Post von Obama

###kostenfreie Rezensionsexemplare des Verlags; keine bezahlten Kooperationen###

Es war 2004, als ich mir noch in meiner Heimatstadt Hannover die englische Ausgabe der Memoiren von Bill Clinton als Taschenbuch kaufte. Damals hatte ich von Clinton keine wirkliche Ahnung; nur dass er eben Präsident war und man ein solches Buch doch wohl gelesen haben müsse.

Gut, ich war jung und unerfahren in der Auswahl meiner Bücher. Fast erwartbar schaffte ich nichtmal zehn Seiten des Buches. So langatmig und hymnisch zu sich selbst war dieses Buch, was ich mehrmals bei Umzügen mitnahm und dann doch weggab. Viele Bücher, die ich weggab, vermisse ich. Dieses nicht.

Zehn Briefe, jeden Tag. So viele Briefe ließ sich Obama heraussuchen, um sie zum einen selbst zu lesen und auch selbst, handschriftlich, zu beantworten. In der ihm eigenen herzlichen Art, die man auch in Goldenen Büchern verfolgen konnte. In die Bücher, in die sein Nachfolger lediglich wenige Sätze schreibt, führt er lange, melodische und versöhnende Texte der Anerkennung an.

Nun liegen endlich die Briefauswahl in deutscher Erstausgabe vor. Sowohl als Buch in deutscher Übersetzung als auch in Hörbuchform. Ich bestellte mir, sobald ich von dem Buch hörte, gleich die amerikanische Erstausgabe, die durch einen sehr ansprechenden, edlen Schutzumschlag daherkommt. Der Titel ist geprägt und das Papier hat eine schöne Struktur. Es setzt der Präsidentschaft Obamas ein ehrendes Denkmal. Und das sollte es auch. Leider hat es nur die Optik dieses Schutzumschlags in die übersetzte Ausgabe geschafft, was ich als Haptiker schade finde.

Was aber wirklich ein trauriges Raunen bei mir auslöste, war die Tatsache, dass die Briefe, die als Scan im Buch abgebildet sind, übersetzt wurde (in Ordnung), aber die originale Handschrift Obamas durch eine generische (in deutscher Übersetzung) ersetzt wurde. Das ist natürlich irgendwie logisch, obgleich ich irgendwie mit einer anderen Lösung gerechnet hatte. Denn so geht ein elementarer Baustein des Look & Feel unwiderbringlich verloren.

Nichtsdestotrotz ist diese Briefsammlung ein enormes Gut. Es ist ein Abbild eines Zeitstrahls. Die Sorgen und Nöte in den Briefen lassen die Zeiten und die Veränderungen die die USA während Obamas beiden Amtsperioden ereilen, sichtlich erkennen.

Die Autorin, Jeanne Marie Laskas, berichtet darüber hinaus umfangreich über die Abarbeitung der Post, die den Präsidenten der USA erreicht. Eigene Abteilungen für off- wie online gibt es. Mit einer Vielzahl eigener Regeln. Der rote Punkt auf einem ankommenden Brief bedeutet, dass in der Sichtung klar wurde, hier besteht ggf. Lebensgefahr und ein sofortiges Eingreifen ist vonnöten.

Die detaillierten Erfahrungen die Laskas im Weißen Haus machte, erinnerten mich an eine Story des ZEIT-Magazin aus 2016. Dort beschrieben die Autoren, wie mit den 3000 Briefen, die der damalige Bundespräsident Gauck bekam, umgegangen wird.

Denn ob nun 3000 oder mehrere zigtausend bei Obama: Die Flut an Informationen ist wie eine Lawine, die es zu kontrollieren gilt. Und das ist nicht leicht. Dazu fiel mir eine Szene aus „Bruce allmächtig“ (2003) ein: Bruce (Jim Carrey) ist über sein Leben „upset“ und beschwert sich darüber bei Gott. Gott, grandios gespielt von Morgan Freeman, nimmt es pragmatisch und überträgt Bruce während seines Urlaubs seine „Arbeit“.
Bruce´ Postfach quillt dann nach kurzer Zeit über und die Stimmen in seinem Kopf (Gebete der Menschen) werden immer lauter, so weniger er der Flut an Bitten und Gebeten nachkommen kann. Der Clou am Ende ist, dass Bruce erkennen muss, dass es alles nicht so einfach ist; und: dass Gott ihm gar nicht die ganze Welt überlassen hatte.

Zum Hörbuch sei erwähnt, dass es mit hoher Qualität eingelesen ist, mit passenden, bekannten Sprechern und dem ganzen eine Abrundung gibt, weswegen ich mir auch immer beides kaufen würde.

Negativ sei noch anzumerken, dass der Konsum des Buches wie auch des Hörbuches, nur in Etappen möglich ist. Zu sehr dreht sich irgendwann der Kopf, weil so viele Anliegen und oft auch Schicksale in den Briefen liegen. Trösten tut da nur der Gedanke, dass sie bei Obama in den richtigen Händen waren.

Jeanne Marie Laskas: Briefe an Obama – Buch und Hörbuch sind erschienen bei Goldmann bzw. beim Hörverlag.

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