Thommie Bayer: Das innere Ausland (Lesetipp!)

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Ich bin in gewisser Weise reaktionär und handle paradox. Als ich auf dem Literaturtisch im Hugendubel das neue Buch von Thommie Bayer erspähe, spricht mich der Titel gleich an: „Das innere Ausland“. Wie der Autor in einem Interview sagte, sei ihm erst im Nachhinein bekannt geworden, dass diese Formulierung auch von Sigmund Freud komme. Als ich wiederum meinen Buchhändler anschaue und frage: Muss mir das Buch peinlich sein?, lächelt er mich milde an, und sagt: eigentlich schon, aber wenns dir gefällt…

Ich lasse es mir vom Piper-Verlag als Rezensionsexemplar senden und lese es fast an einem Stück. Nur unterbrochen von Zeiten, in denen ich das Ende des Buches auf später verschiebe. Bayers Bücher sind keine Wälzer. Wie Genazino auch, kommt er mit meist knapp zweihundert Seiten gut aus – und diese Bücher reichen in der Quantität auch völlig aus. Ich arbeite mich grad durch einen Buchgewicht von 846 Seiten eines anderen Autors. Klar, man kann alles sehr auskleiden, aber mir macht es immer Freude, einen Brühwürfel (Katja Lange-Müller) zu lesen, einen der nicht alles elegisch ausbreitet und auch dem letzten Leser die Innereien der Erzählung ausbreitet. Martin Suter sagt, die Kunst sei für ihn zu erkennen, was er weglassen kann, oder sogar muss. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies der richtige Weg ist. Nicht diese ewig langen Ausschmückungen und nicht enden wollenden Beschreibungen.

2016 las ich von Bayer seinen Roman „Seltene Affären“, 2018 dann ein Alt-Exemplar von „Eine kurze Geschichte vom Glück“ (2007). Ich rätsele immer, wie ein Autor es schafft, dass ich nach wenigen Zeilen „drin“ bin und es mit Genuss, aber auch Wehmut, schnell zu Ende lese.

Lange dachte ich darüber nach. Die Erkenntnis, die ich dem wirklich freundlichen Autor auch per Email mitteilte, auf die er ebenso freundlich zugewandt antwortete, war, dass in seinen Romanen keine Handlung im Vordergrund steht. Es passiert schlussendlich nichts. Kompositorisch ist das eine hohe Kunst, es ist wie Musik – und Bayer ist eben auch Musiker. Das ist natürlich nichts für die breite Masse, das ist der Genuss für die „happy few“ (Elke Heidenreich prägte diesen Begriff). Die Menschen sind doch in ihrem Erleben oft so stumpf (abgestumpft?), dass sie wenig mitbekommen – Zwischentöne meist gar nicht. Das muss es immer gleich richtig knallen. Daher laufen Fitzek und Co. auch so gut. Sei es drum!

Bayer lässt seine beiden Protagonisten nicht im Jetzt durch wirre und harte Wendungen zum Leben erwecken, sondern schafft das Geschehen durch eindrückliche und spannende Blenden in die Vergangenheit der beiden Menschen, die in diesem Roman wie Steine im Wasser durch selbiges umspült werden, und ihre Form ändern – diese Formung wird dann zur Erzählung.

Bayer beweist großen schriftstellerischen Mut. Er bleibt in seiner Form und tappt nicht der Resonanz wegen in die ausgetrampelten Pfade der Publikumserregung.

Ein Interview zum Buch auf der Frankfurter Buchmesse

Thommie Bayer: Das innere Ausland

Ein Interview mit Thommie Bayer folgt für den freitag.de-Blog!

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