Der Tigervater

Kostenfreies Rezensionsexemplar; keine Kooperation

…rief zwar nicht nach Thomas Derksen, bekam ihn aber dennoch.

Dieses Buch entdeckte ich durch Zufall und war zuerst nicht so begeistert. Zu simpel wirkte der Weg: Deutscher Mann lernt bei Studienaufenthalt 2012 in Shanghai die Chinesin Liping kennen, verliebt sich in sie und zieht schlussendlich nach Shanghai und heiratet sie – natürlich. Nach dem Motto „Liebe meines Lebens“, etwas zu kitschig, etwas zu aufgetragen. Einziger Haken an der Sache: Der Vater der zukünftigen Braut, genannt Alter Zhu. Der findet diesen etwas kurz und dafür breit geratenen Schwiegersohn in spe so gar nicht apart und so gar nicht gleich passend für seine Tochter.

Wenngleich es bei Thomas Derksen nicht Liebe auf den zweiten, sondern Liebe auf den allerersten Blick war, brauchte ich einen zweiten Blick und ein paar Seiten weiter. Denn natürlich können Lebenswege auch mal einfach sein. Das sind wir intellektuell-verkopften Damen und Herren gar nicht mehr gewöhnt. Wir wollen in allem ein wenig mehr Kontur der Katastrophe, der Unwägbarkeit. Vielleicht sorgt das auch für unsere Lebenswege? Man mag Derksen und seiner Frau als Außenstehender vielleicht eine überdreht-naive Art attestieren, oder aber ein Wort, was in Hipstergegenden vielleicht zu offenstehenden Mündern führen könnte: Lebensfreude.

Und genau diese Lebensfreude ist in dem ersten Buch von Thomas Derksen „“Und täglich grüßt der Tigervater“ in einer Weise fixiert, die einen Spannungsbogen von knapp 300 Seiten durchhält. Ich war ehrlich überrascht, mit welcher Lebensbejahung und Hingabe Derksen berichtet und dabei zwar pathetisch, aber doch nicht so kitschig wird wie man denkt. Und: es kristallisiert sich eine ernstzunehmende Wahrhaftigkeit seiner Gefühle heraus.

Für Derksen hat es, aktuell, nicht für einen Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia gereicht – sein Eintrag wurde mit dem Vermerk „irrelevant“ in der Löschdiskussion besetzt. Aber das kann Derksen egal sein. Denn auch wenn er aus dem beschaulichen Gummersbach (bei Köln) stammt (wie Domian und Helga von Sinnen), so ist sein Lebensmittelpunkt nun die 25-Millionen-City Shanghai in China. Dort, wo die Mietpreise so hoch sind, wie nichtmal in München. Die Wohnung seiner Schwiegereltern, die es eben von ihm zu überzeugen gilt, kostete pro Quadratmeter 9000 Euro. Da sind bei den 130 Quadratmetern schlichte 1.17 Millionen Euro. Und das 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

Und nebendem, dass China nun sein Lebensmittelpunkt ist, ist Derksen ein Internet-Star der echten Art in China. Durch seine launigen und lauten Videos über seine Leben mit Liping in China und seinen Schwiegereltern, ist er zu einer Größe geworden. Alle Netzwerke kumuliert, kommt er auf sieben Millionen Follower. Auch bei Youtube laufen seine Videos gut, zeigen aber auch, wie sehr er nicht auf Deutschland angewiesen ist: Er spricht fließend Mandarin, die Videos sind inzwischen (früher sogar das nicht) in Englisch untertitelt. Derksen braucht Deutschland nicht, um bekannt zu sein. Es ist ein wenig beruhigend, dass es noch eine andere Perspektive gibt. Das hier nichts zu „gelten“ in Shanghai einem Fliegenschiss gleicht.

Neben Thomas und dessen durch ihre authentische Quirligkeit (das nervt dann nämlich nicht), sind es die beiden Schwiegereltern in spe, die die Handlung so spannend machen. Denn der Plot ist erwartbar, die Irrungen und Wirrungen und die besondere Art der Eltern von Liping nicht. Insbesondere der Vater ist Patriarch alter Art und Schule, aber eben dann doch liebenswürdig und herzlich. Er weint alleine im Klo, nachts wenn keiner es hört, um den Verlust seiner Tochter an ihren zukünftigen Mann.

Alles Klischee, höre ich viele nun schreien. Ja, das ist es, vielleicht. Aber gönnen Sie den beiden doch einfach ihre Lebensfreude.

Mit Thomas Derksen spreche ich demnächst für den Freitag-Blog.