Meyerhoff liest die USA

[Kostenfreies Rezensionsexemplar; keine bezahlte Werbung!]

Wäre er etwas jünger, seine Geschichten dem allgemeingültigen Alltag näher, schriebe er seit Anfang der Zweitausender, wir würden ihn einen Pop-Literaten nennen. So ist er einfach ein „Multitalent“, und ein Bestsellerautor.

Joachim Meyerhoff, Burgschauspieler seit über zehn Jahren, hat mit seinen vier autobiographischen Werken eine Leistung gesetzt. Ob man seine Schreibart mag oder nicht. Sie ist da, sie verkauft sich und sie ist, bei allem Neid, ziemlich gut. Meyerhoff sounded very well. Dabei ist allein Burgschauspieler zu sein schon eine in Künstlerwelten überrangend einzustufende Leistung. 

Wenn Schauspieler, egal welcher Couleur, sich zu literarischen Weihen aufschwingen wird das meistens wenig und das Werk makuliert. Nunja. Bei JM eben nicht, er hat sich mit seiner skurrilen und doch wahren Geschichte in die Herzen des bundesdeutschen Durchschnittspublikum geschrieben. Da ist man dann doch gerne auch mal rezipierender Durchschnitt.

Wer nicht auf Austausch war, war nicht. Ich habe mit 14 eine Chuzpe aufgebracht, mich als Jüngster zum Schüleraustausch zu bewerben. Und wurde dann auch noch angenommen. Es waren „nur“ sechs Wochen, aber das sagen nur Menschen, die dumm sind. Diese Wochen prägen mein Leben bis heute. Wochen in einem Kaff mit 30.000 Einwohnern, welches sich auf der Fläche meiner Heimatstadt Hannover (500.000 Einwohner) ausbreitete. Mit viel Wald, elend langen Straßen und dem Look aus dem Fernsehen. 

Holzhäuser, Straßen mit Wendehammern und vielen Garagen mit noch mehr großen Autos. Auch die Schule, wie aus dem TV. Das Essen, der Kühlschrank, die Milchgalonen, alles wie man es sich in good old Germany so estimierte. 

Ich will Sie jetzt damit nicht vollquatschen, es war aber prägend, wie Sie sicher erahnen. 

Joachim Meyerhoff hat sich für ein ganzes Jahr entschieden. Und er hat es in seinem typischen Stil in ein Buch gegossen, was die Gefühle eines Austauschjahrs fasst. Man verlernt angeblich die Muttersprache, gibt einen peinlichen Akzent vor und lebt die Zerissenheit der Welten mit einer plakativen Weltgewandtheit. Warum? Weil ein Austausch das stete Kinderleben aus den Fugen knallen lässt. Mit allen Vor- und Nachteilen. Wobei die Vorteile weit überwiegen. Aber erst viel später, wie ein guter Rotwein.

Gut ist aber eben nicht alles, Meyerhoff trifft es besonders hart. Einer seiner Brüder stirbt bei einem Autounfall während er im Land der unbegrenzten Möglichkeiten schwirrt.

Die vorliegende Hörbuchversion liest Meyerhoff routiniert ein, aber das Problem ist: es ist keine Live-Lesung. Wer aber die HERVORRAGENDE Live-Lesung von Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke kennt, weiß, was ich meine.

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