„Ich komme in den Himmel“

Titelbild: Christian Langbehn

Daniel Böcking ist der Stellvertreter des kontroversen, lauten BILD-Chefs Julian Reichelt. 2016 veröffentlichte Böcking sein erstes Buch über seinen Weg zum gläubigen Christen. Nun folgt mit „Warum Glaube großartig ist“ eine Fortsetzung. Aber kann ein Bild-Journalist überhaupt in den Himmel kommen?


Darf es einen Gott neben Julian Reichelt geben? 
Nicht nur neben Julian Reichelt, sogar über ihm! 33 Jahre lang hatte ich eine sehr latente Art von Glauben. Dann war ich als Reporter 2010 bei dem verheerenden Erdbeben in Haiti und sah, wie viel Kraft der Glauben den Menschen schenkte. Das machte mich neugierig. Ich traf viele Christen, begann, in der Bibel zu lesen und erkannte für mich, dass Christus die Wahrheit ist. So wurde Jesus zum Zentrum meines Lebens.


Ist Gott ein Mann?
Ich weiß, dass meine Antwort garantiert falsch ist. Meine einzige Ausrede ist, dass ich noch ein Lernender bin. Aber: Wenn ich bete, ist Gott eher ein Mann, ein himmlischer Vater, zu dem ich bete. In der Bibel steht, wir können „Papa“ zu ihm sagen. Das soll um Himmels willen nicht heißen, dass Gott für mich ein Geschlecht hat. Dafür ist er zu groß, um ihn so kategorisieren zu können.


Haben Sie ein optisches Bild von Gott?
Tatsächlich nicht. Ich hatte früher das Bild des weißhaarigen alten Mannes, wie wohl viele Menschen. Das hat sich geändert. Ich stelle mir selten ein Gegenüber vor, wenn ich bete.


Warum ist Glaube angeblich so großartig?
Der Titel meines zweiten Buches steht für die Überraschung, die ich selbst erlebt habe. Jahre dachte ich, der Glaube ist alles andere als großartig, Christen seien eher verknöchert und ziemlich freudlos. Was ich aber lernen durfte: Glauben im Hier und Jetzt ist großartig und kann soviel Freude bereiten. Nach meinem ersten Buch über meinen Glauben durfte ich viele Gemeinden besuchen und meine Vorurteile sind alle über den Haufen geworfen worden.


Daniel Böcking – Foto: Christian Langbehn


Finden Sie, Sie sind ein besserer Mensch geworden?
Ich habe selber wenig dazu beigetragen, bin aber Gott unendlich dankbar, dass er mich zu einem Leben gebracht hat, welches in vielen Facetten besser geworden ist. Von außen beschaut, bin ich ein besserer Mensch geworden, ja. Ich habe eine egoistische, aufbrausende Ader und der Glauben hat in mir für mehr Demut gesorgt. Es geht nicht um mich, es geht um Jesus Christus. Aber ich scheitere natürlich ständig im Alltag wieder. Das fängt schon beim Lästern an.

„Ich scheitere ständig“

 

Sie trinken keinen Alkohol mehr?
Ja, ich habe geschaut, was man an meinem Leben verbessern kann. Auf Feiern war ich immer gerne der Letzte an der Theke und habe dem Alkohol gerne zugesprochen. Dabei gab es hitzige Diskussionen, über die ich mich am nächsten Tag oft grämte. Ein Zitat in der Bibel lautet, ganz frei übersetzt: „Wenn die rechte Hand dich zu Fall bringt, schlag sie ab und wirf sie von dir“. Der Alkohol war meine rechte Hand. Besser einhändig ins Paradies, als gar nicht.


Wie praktizieren Sie Ihren Glauben im Alltag? 
Es gibt wenig Rituale in der Bibel. Ich gehe sehr gerne in die Kirche, meine Kinder inzwischen auch. Aber eben nicht jeden Sonntag. Manchmal lockt dann doch der Badesee. Mein Ritual ist, täglich in der Bibel zu lesen und ich nutze ein Andachtsheftchen. Ich beginne den Tag mit einem Gebet und beschließe den Tag mit einem Gebet. Ansonsten höre ich Predigten als Podcast und christliche Musik. Klingt etwas schräg, oder? Ich hätte das früher auch nicht von mir erwartet.


Wollen Sie Menschen bekehren?
Die Frage tut ein bisschen weh, denn ich weiß, wie belastet das Wort „Missionieren“ ist. Ich lasse mich von Gott führen und versuche mein bestes. Früher hasste ich selbst „Missionieren“ und bis heute will ich meinen Glauben meinem Umfeld nicht aufdrängen. Ich freue mich aber über jeden, der sich bekehrt, dem ich durch meine Bücher helfen konnte. Missionieren darf keine Holzhammermethode sein – aber es kann auch eine herrliche Einladung sein, die ich gern ausspreche.


Wie ist es, wenn sich jemand plötzlich zum Glauben bekennt?
Nach meinem ersten Artikel bei Bild über meinen Glauben, war ich total überrascht, da mir mitnichten Häme und Spott entgegengeschlagen sind. Im Gegenteil, es kamen interessierte Nachfragen, auch von denen, die an nichts glauben oder einer anderen Religion angehören. Einige Kollegen schrieben mir, dass sie auch gläubig seien. Ein Kollege, der Moslem ist, ermöglichte mir ein Treffen mit einem Imam, weil er merkte, dass ich viele Fragen über den Islam hatte. Es war ein sehr spannendes Gespräch – ohne uns gegenseitig bekehren zu wollen. Man muss seinen Kopf nicht ausschalten oder Scheuklappen aufsetzen, um gläubig zu sein.

Haben Sie bei Bild nun eine Betgruppe?
Es gibt schon eine kleine! Aber ich war noch nie da. Die Kollegen treffen sich donnerstags, gehen in die Kirche und haben danach einen kleinen Gebetskreis. Um die Zeit bringe ich aber meine Kinder ins Bett, daher war ich noch nie da.


Gehört der Islam zu Deutschland?
Die Antwort ist schwierig, weil so viele Menschen etwas anderes damit verbinden. Ich finde die Debatte an sich Quatsch. Wir haben verschiedene Glaubensrichtungen in unserem Land und das ist auch völlig richtig so. Die Diskussion bezieht sich, wenn man ehrlich ist, meist nicht darauf, ob verschieden Gläubige untereinander klarkommen können, sondern es geht um Überfremdung oder Probleme wegen Ausländerkriminalität. Manches ist eine politische Diskussion, anderes eine Werte-Diskussion. Glaube selbst – ob nun christlich oder muslimisch – gehört nicht in erster Linie zu einem Land, sondern in die Herzen der Gläubigen.

„Glaube gehört in die Herzen der Gläubigen“

 

Warum noch ein zweites Buch über Ihren Glauben? 
Ich hoffe, es ist gottgewollt. Beide Male kam ein Verlag auf mich zu. Ich hatte Sorge, ob das richtig ist, so etwas in meiner Position zu tun. Ich las dann die Bibel und stellte für mich fest: Was habe ich davon, nicht von der Freude zu erzählen?


Was sagt denn Ihr Chef, Julian Reichelt, dazu?
Es ist nicht so selbstverständlich, auch im Job zu seinem Glauben stehen zu können. Daher freue ich mich sehr, in der Redaktion frei dazu stehen und schreiben zu können. Mein Chef duldet das nicht nur, sondern er fördert mich auch. Ich finde, es ist Zeit, eine Haltung zu haben und Julian Reichelt goutiert das. Er steht hinter mir, ungeachtet dessen, ob er alle meine Ansichten teilt.


Kann man als Bild-Mitarbeiter in den Himmel kommen?
Das liegt nicht in meiner Hand und vor allem nicht an meiner Leistung. Wir haben Jesus Christus, der da viel Vorarbeit geleistet hat. Wenn ich die Bibel wörtlich nehme, kann ich das klar bejahen.


Warum?
Wer Jesus Christus nachfolgt und damit im Glauben zuhause ist, hat die Erlösung. Nichtsdestotrotz habe ich die christlichen Werte zu leben und damit entstehen Aufgaben für mein Leben im Hier und Jetzt. Ich kann sehr gut und mit reinem Gewissen bei Bild arbeiten. Die Frage, ob ich als Christ bei Bild arbeiten kann, stellte sich mir nie und ich wurde erst durch Leserbriefe darauf gebracht. Christ-sein und Bild-Journalist zu sein, ist kein Widerspruch. Im Gegenteil: Es ist wunderbar, an einem Ort zuarbeiten, an dem ich meine Ansichten einbringen und mitteilen kann.


Bei Ihren Texten denkt man manchmal an ein Brötchen, aus dem zu viel Butter herausquellt.
Um in diesem Bild zubleiben: Ich denke, es darf gerne mal etwas mehr Butter herausquellen und ein bisschen weniger Zement beigemischt sein. Ob das richtig ist, weiß ich nicht. Ich versuche das, was ich vom Glauben verstanden habe, in den Alltag zu übertragen. Zum Glück kam noch keiner an, der mir vorwarf, das Evangelium gänzlich falschgelesen zu haben. Ich weiß, dass meine Texte manchmal naiv bis kindlich wirken, aber das ist, insbesondere aktuell, nicht unser größtes Problem. Eher das Gegenteil.

„Es darf gern mehr Butter herausquellen“


Mehr nett, mehr freundlich sein?
Das ist eine extreme Verknappung, aber wenn es das ist, was von meinen Texten hängen bleibt, dann ja. Wir können es einfach Nächstenliebe nennen. Nehmen wir die Flüchtlingskrise. Wenn neben meiner Wohnung eine Flüchtlingsunterkunft öffnet, weiß ich doch aus der Bibel, was zu tun ist. Da kann ich wie auch immer gegen die Regierung sein oder die Flüchtlingspolitik in Frage stellen, aber wenn jemand vor mir steht und Hilfe braucht, ist klar was zu tun ist. Das ist meine christliche Verpflichtung.


Sind wir alle Sünder?
So verstehe ich den christlichen Glauben, ja.


Warum?
Das können andere theologisch besser darlegen als ich – angefangen bei Adam und Eva. Wenn man aber alles aus dem Gesetz im Alten Testament richtig befolgen will, muss man scheitern. Daher sind wir zwangsläufig Sünder. Wenn Jesus sagt, nicht erst der Ehebruch ist Sünde, sondern schon einer anderen Frau hinterherzuschauen, dann wird das für mich praktisch sehr greifbar, dass wir alle Sünder sind und Jesus Christus bitter nötig haben, der den Preis für all unsere Schuld bezahlt und uns damit befreit hat.


Ist das nicht der Funktionshebel des Glaubens, dass man Menschen suggeriert, sie seien Schuldige?
Der Hebel ist wirkungslos, wenn ich nicht glaube. Den Weg zum Glauben habe ich nicht durch die Kirche oder „Wenn du nicht glaubst, dann…“-Drohungen gefunden, sondern durch Christen. Der Hebel hätte bei mir nicht funktioniert, da ich rundum glücklich war. Die Christen haben mir durch ihr Vorleben gezeigt, wie wunderbar Jesus Christus ist. Später durfte ich Gott oft genug als Wirklichkeit in meinem Alltag erleben. Da ist kein Hebel mehr notwendig.

„Jesus Christus ist wunderbar“


Haben Sie nun weniger Angst vor dem Tod?
Ja. Ich habe das große Geschenk, was mich auch ängstigt, dass bei mir und in meinem Umfeld ziemlich viel glatt gelaufen ist und mir vieles in den Schoß gelegt wurde. Ich hatte keine sterbenden Angehörigen oder war selbst betroffen. Meine Gedanken zum Tod sind daher sehr theoretisch und ich kann nicht sagen, wie ich in dessen Angesicht wirklich denke. Aber für den Moment: Nein, ich habe keine Angst vordem Tod und ich glaube fest an ein Leben nach dem Tod. Das gibt mir eine große Zuversicht, fast schon eine Vorfreude. Ich bin auf einem Weg und werde nicht unter der Erde liegen und verrotten.


Sie erhielten letztens einen Shitstorm, weil Sie in einem Artikel fragten, ob man sich darüber freuen dürfte, dass die Ehefrau von Assad Brustkrebs hat. Wie kam es zum Shitstorm?
Ich konnte das gut im Dialog mit den Lesern differenzieren. Die einen waren böse, dass ich Assad als Kriegsverbrecher sehe oder wollten Beweise für seine Giftwaffenarsenale. Viele Menschen hatten den Text nicht gelesen und nur an der Überschrift meine vermeintliche Haltung festgemacht. Ich habe im Text klar erklärt, dass man sowas natürlich nicht wünschen darf als Christ – obwohl genau das zum Beispiel in den Sozialen Netzwerken geschehen war. Dort hatten Menschen die Krebs-Nachricht bejubelt. Vielmehr sollten wir für Assads Ehefrau beten. Es war aber auch ok, mal so beschimpft zu werden, denn wer austeilt, muss auch einstecken können. Viele Hassmeldungen haben sich durch direkten Dialog umgekehrt. Was mich nachdenklich machte, war, dass wir in einer Zeit angekommen sind, in der selbst Fragen nicht mehr erlaubt sind. Das macht mir Sorge.


„Es gab Auschwitz, wie kann es da Gott geben?“, las ich im Internet. Was antworten Sie darauf?
Ich weiß es nicht. Es ist eine eigene Disziplin in der Theologie, warum Gott das Leid zulässt und ich habe viele verschiedene Antworten dazu gehört. Vom Bösen, über den Satan, bis hin zum freien Willen. Keine Antwort leuchtete mir vollends ein. Bei vielen Themen komme ich immer wieder an den Punkt, es einfach nicht zu wissen. Glauben ist für mich eine Kerze und kein Halogenstrahler. Daher kann nicht alles ausgeleuchtet sein.

„Glaube ist für mich eine Kerze, kein Halogenstrahler“


Warum liest sich die Bibel so schwer?
Die Bibel war am Anfang für mich eine sehr harte Pflicht, bis ich eine Version gefunden hatte – die Neue Genfer Übersetzung – die mir leicht fiel. Als ihr Inhalt für mich zur erlebbaren Wahrheit wurde, entwickelte sich das Lesen zu einer Schatzsuche, die Spaß macht und Antworten auf meine Fragen gibt. Heute lese ich das Neue Testament mit großer Freude.


Haben Sie eine Lieblingsstelle?
Das wechselt regelmäßig, aber zum Beispiel Matthäus 6,33: „Trachte zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird dir alles andere dazugegeben“. Dieser Satz ist mir wichtig, mein Leben zu sortieren. Mein erster Blick geht auf Gott und der Rest wird sich fügen. Das ist mein Lebensmotto geworden. Aber es gibt zig wunderbare Stellen mit vielen grundsätzlichen Wahrheiten.


Sie sind der Stellvertreter des Bild-Chefs. Wie vereinbaren Sie Ihren Glauben mit dem was Bild produziert?
Mir hat sich die Frage überhaupt nicht gestellt, weil ich keinen Gegensatz gesehen habe. Vielleicht denken manche, nach zwanzig Jahren bei Bild ist man gehirngewaschen, aber das stimmt nicht. Ich hinterfrage mich bei allem immer wieder – auch im Job. Wir arbeiten hier sehr professionell und versuchen das beste rauszuholen. Dazu gehört, auch ungeschönte Wahrheiten zu benennen und das sehe ich nicht als christliche Sünde. Darüber kann man herrlich streiten und ich nehme für mich nicht in Anspruch, immer auf der komplett richtigen Seite zu stehen. Unsere Aufgabe ist es nicht, uns bei allen lieb Kind zu machen. Ich arbeite mit absolut gutem Gewissen hier. Ich finde es richtig, auch unschöne Wahrheiten zu zeigen. Viele sind zum Beispiel irritiert oder empören sich, wenn wir durch Giftgas getötete Kinder zeigen. Aber wir sind doch zur Wahrheit aufgerufen! Wenn Fehler passieren – und die passieren auch bei Bild – müssen wir sie eingestehen. Das sind dann keine schönen Tage bei Bild.


Wie bringen Sie sich ein bei Kontroversen?
Ich bin nicht der Sprecher für alle Christen bei Bild und es gibt natürlich Themen, deren Aufbereitung ich nicht so toll finde. Ich stimme nicht immer bei allem mit allen überein – da ist es bei Bild nicht anders als an jedem anderen Arbeitsplatz. Man geht halt nicht aus jeder Diskussion als Sieger, aber es ist gut, dass es diese Diskussionen gibt. Da hilft mir ein afrikanisches Sprichwort: „Wo Gott dich hingesät hat, da sollst du blühen“.


Wer würde das Buch verlegen, wenn Sie nicht Co-Chef bei Bild wären?
Keiner, denke ich. Ich bin mir bewusst, dass es meine Position gepaart mit meinem christlichen Anspruch an mich selbst war, die einige Menschen neugierig gemacht hat. Das macht demütig und hochgradig nervös. Denn die Bücher sind ja nicht nur eine Chance. Weil ich nicht nichts beizutragen habe, als einen persönlichen Seelen-Striptease, machen sie mich auch extrem angreifbar. Aber, um ein letztes Mal die Bibel zu bemühen: „Alles, was wir tun, soll zur Ehre Gottes geschehen – nicht zu meiner Ehre“.


Das Gespräch führte Jan C. Behmann


Daniel Böcking: Warum Glaube großartig ist – Gütersloher Verlagshaus

Titelbild: Christian Langbehn