Lesen: Italien in vollen Zügen

(Es handelt sich um eine Besprechung, die auf der Gestellung eines kostenlosen Rezensionsexemplars des Verlags beruht. Diese Gestellung beeinflusst nicht die Wertung; eine Kooperation besteht nicht. Ebenso wenig Affiliatelinks.)

Ich bin überzeugte Bahnfahrer, durch ganz Europa tragen mich die Räder auf quietschendem Stahl. Keine Ausrede. Ich liebe Bahnfahren, auch und insbesondere mit der Deutschen Bahn.

Meine Assistentin machte mich auf dieses Buch aufmerksam, fährt sie doch auch gerne Zug und hat dieses Buch, wo auch sonst, in einer Bahnhofsbuchhandlung gefunden. Danke ihr für die Empfehlung!

Den kollektiven Hass teile ich nicht, die Borniertheit von innerdeutschen Flugreisenden kann ich nur kopfschüttelnd weglächeln. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe Fliegen ebenso, und kenne mich sehr gut damit aus. Dennoch ist eine Zugreise eine kontemplative, den Geist erweiternde Erfahrung. Viele Menschen habe ich kennengelernt, tiefe Entspannung wurde mir zuteil.

Meine BahnCard 50 mit bahn.comfort-Status ist mir mehr ideel wert als viele andere Auszeichnungen. Der Duft von Schmieröl, Bremsstaub, Trillerpfeifen und dampfenden Kaffee lassen mich immer wieder nach Berlin, Hamburg, München, Düsseldorf, Wien, Paris, Zürich gleiten. Ja, es ist gleiten, nicht fahren, es ist ankommen, nicht hinfahren. Die Seele reist mit, die Seele kann ankommen. Eines meiner Reiseziele ist Südspanien, Mallorca – mit der Bahn, das geht!

Was Urlauber mit voller Inbrunst der Überzeugung mit dem KFZ machen, mache ich mit der Bahn. Ich schlafe, döse, rede, streite, lese, raune, trinke, wundere mich. Alles zusammen. Ich bin manchmal zu spät, oft pünktlich, gar zu früh. Ich steige gern um, entdecke gerne. Zugreisen ist ein Lebensgefühl. Die Leute entspannter, die es professionell machen – Harald Schmidt, der auch fast eine obsessive Beziehung zu seiner BahnCard 100 First hat. Der sich einen Privatjet nehmen könnte und doch das Soziotop Bahn immer wieder begeistert nimmt.

Man muss der Bahn Erlebensraum geben, man muss Frustration aushalten können. Alles Eigenschaften von weiseren Menschen. Klar, es gibt Sachen die nerven. Aber die Reaktion ist oft über die Maßen extrem. Die Menschen, die sonst in Autos geklemmt sind, können ihrer Wut freien Lauf lassen. Punchingball Bahn.

Was das alles mit dem Buch von Tim Parks „Italien in vollen Zügen“ zu tun hat. Es ist eine Ode an die Bahn, eine Ode an die Zugreise, eine Liebeserklärung an das seelengetaktete Reisen. An ein System (die italienische Bahn) der Brüchigkeit, der Fehler und des dennoch unbrechbaren Stils.

Ich habe die ersten 70 Seiten erst rum und ich zerfließe in Liebe in seine Beschreibungen, kann ich doch fast alle bestätigen.

Gönnen Sie sich doch mal wieder eine Zugfahrt! Nehmen Sie ein Buch, und entfliehen der Hektik, des Daseinmüssens, versuchen Sie das zurückgeworfen-werden auf sich selbst, auszuhalten und daraus neues entstehen zu lassen, kostet es auch (anfangs) viel Kraft.

Tim Parks: Italien in vollen Zügen, als Taschenbuch neu bei Goldmann

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