Einsam

(Ich danke dem Verlag für das kostenfreie Rezensionsexemplar (eBook); ich erhalte kein Honorar; keine Affiliatelinks)

Die Psychologin Eva Wlodarek hat ein wichtiges Buch über einen Zustand geschrieben, der häufiger wird aber umso seltener kommuniziert wird. Einsamkeit ist ein Zustand in unserer Leistungsgesellschaft der als Versagen gilt und damit kaschiert gehört, um nicht noch mehr dem Versagen bezichtigt zu werden. Die Gruppe reagiert mit Verdammnis, denn durch (weitere) Ausgrenzung wird die Schuldhaftigkeit des Entstehens noch weiter von sich gewiesen.

Das sich ein Individuum die Einsamkeit eingesteht, ist bereits ein weiter Weg, daran etwas zu ändern, ein noch viel steinigerer. Dieses Buch richtet sich an Menschen, die etwas ändern wollen an ihrer Einsamkeit, es ist also eher ein Ratgeberbuch. Gegen Ratgeber habe ich eine reflexhafte, damit nicht immer richtige Aversion.

Im ersten Teil des Buches analysiert Wlodarek die Gründe für die erwachsene Einsamkeit und findet diese in frühen Traumata der Kindheit; verbunden mit Fallbeispielen aus ihrer Praxis. Dies lässt vieles besser nachvollziehen und zu verstehen. Haben wir doch in der postmodernen Gesellschaft nur zu leicht die Attitüde, alles auf die Selbstleistung des Einzelnen abzuwälzen, sprich ihm die Schuld zuzuweisen und damit zu attestieren, er bräuchte ja nur, und dann wäre alles anders, besser oder sagen wir: konformer mit der Gruppe.

Menschen brauchen zum Leben Resonanz, wie Hartmut Rosa in seiner gleichnamigen 700-Seiten-Monographie bei Suhrkamp ad extenso und wunderschön dargelegt hat. Andreas Reckwitz, ebenfalls Soziologe, legt ebenfalls bei Suhrkamp in seinem Werk „Die Gesellschaft der Singularitäten“ den Strukturwandel der Gesellschaft in der der Imperativ des Besonderen herrsche, der Einzelne eine Schlüsselposition in der spätmodernen Gesellschaft einnehme.

Diese Einzelsein ist aber nicht evolutionär, bzw. nicht etabliert, die Seele des Menschen entsprechend anfällig in dieser Phase der Ummünzung. Fühlen sich die Menschen doch eigentlich immer in einigermaßen homogener Gemeinschaft wohl. Nicht zu einer solchen dazuzugehören kann krank machen. Und so sind viele Erkrankungen auch auf die psychischen Gründe der Vereinsamung zurückzuführen; nur leider, ist das nicht messbar.

Vereinsamung muss derweil nicht tatsächlich sein, d.h. das jemand wirklich niemanden in seinem Umfeld hat, sondern auch emotionale und körperliche Vereinsamung in Beziehungen und Familien können eine Ursache sein. Wenn Menschen sich innerhalb ihrer engsten Beziehungen nicht mehr verlassen können, sondern nur noch alles ein äußeres Konstrukt des Bewahrens ist, bricht die Seele in somatoformen Störungen auseinander. Die Behandlung der relativen Einsamkeit ist ein wahrhaftes Problem; schwer von außen erkennbar und für die Menschen selbst auch nur quälend in der Annahme wahrnehmbar.

Eva Wlodarek schreibt daher ein richtig wichtiges Buch; dem ersten Teil der Analyse von Einsamkeit bzw. dem Gefühl der Wahrnehmung von Verlassenheit hat mir sehr gefallen. Der Selbsthilfeteil ist sicher auch wichtig für Menschen, nur frage ich mich, ob es mit dem Ändern von Gewohnheiten und Lebensstilen so einfach ist. Zur Psychoanalyse hieß es mal so schön, es sei wie wenn man eine Speisekarte läse: Man würde davon auch nicht satt. So kann das Buch sicher Anreize, Impulse und Ideen vermitteln, doch das Durchbrechen von Ängsten und pathologischen Verhaltensmustern wird wohl am besten in einer therapeutischen Beziehung vonstatten gehen.

Eva Wlodarek: Einsam

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