Hartmut Rosas Resonanzboden

Hartmut Rosa ist ein Soziologe, der eine Professur in Jena (ja, Jena) inne hat und 2017 mit seinem Buch „Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung“ ein grandioses Werk vorgelegt hat. Es geht ihm um die Einbindung des menschlichen Individuums in die Welt und die Frage, wie glückliches Leben möglich ist – und wie man das messen kann, außer an der hypersubjektiven Gefühlsäußerung, es gehe einem gut/man sei glücklich. Rosas Kernthese ist, dass der Mensch in Reosnanz und somit in einer Art schwingender Beziehung zu seinem Umfeld stehen muss, egal in welcher Schicht, egal bei welchem Verdienst (obgleich natürlich das auch von Belang ist, aber vielleicht ist die grundlegende Resonanz auch relevant für die soziale Situation?).

Was man vorher wissen muss: das ist ein 800-Seiten-Klopper in soziologischer Schwurbelsprache – das meine ich anerkennend, aber Rosa ist eben, eine Analogie bemühend, ein hochtrainierter MMA-Kämpfer der Soziologie und so fallen auch seine Texte aus. Hochverdichtet, Thesen-Stakkato und lange Fäden ziehend. Diese Texte zu lesen, ist Arbeit. Aber wie bei allen Dingen mit Befriedigungsaufschub, ist die Freude dann umso größer. Aber! Rosa nutzt auch immer wieder praktische Beispiele, um seine Thesen bildhaft zu machen. Das rechne ich ihm hoch an.

Die Freude über das Verstehen könnte aber auch unterwandert werden von einer Trauer über die Entwicklungen der Gesellschaft und der Verankerung des Menschen in diese. Natürlich, früher war nicht alles besser, Unsinn. Es ist dennoch zu beobachten, dass die Gesellschaft sich ob technischer Möglichkeiten beschleunigt und das Individuum in einen Art Existenzkokon sich wickelt, ob der Möglichkeit des Überstehens der äußeren Anforderungen.

Fälschlicherweise, wie Rosa selbst betont, wird er immer als Zeit-Papst oder ähnliches von den Medien in eine Gussform der Ankündigung gegossen. Dies leigt an seinen Veröffentlichungen zur Beschleunigung und Entfremdung der Gesellschaft. Sich zu fragen, wie es zu diesen Phänomenen kommt und daraus die Resonanz-Idee zu entwickeln, wirkt nur folgerichtig.

Es obliegt mit nicht, das ganze auf vermeintliche Richtigkeit zu besprechen (gibt es die überhaupt?), aber ich stimme Rosa zu und mag seine Arbeit. Das erste mal bin ich auf ihn aufmerksam geworden – wo auch sonst – bei der Gesprächsreihe von Michel Friedman im Frankfurter Schauspiel. Die Aufnahme ist nicht mehr hörbar, aber Friedman lädt in seiner Sendung auf Deutsche Welle „Auf ein Wort“ öfters Menschen ein, mit denen er auch im Schauspiel schon sprach. Aktuell sprach er mit, welch Glück!, Hartmut Rosa zum Thema Zeit. Nehmen Sie sich also die Zeit.

Ach, übrigens: Das Buch wurde aktuell in einer wissenschaftlichen Sonderausgabe bei Suhrkamp herausgegeben und kostet zehn Euro weniger. Für 25 Euro erhält man ein wichtiges Buch. 

 

Beitragsbild: Screenshot Youtube/Deutsche Welle