Kurzzeithölle

Unser Autor will nur kurz sein Auto abholen. Dann muss er ein Leben retten.

Meine Leasingrückgabe lässt mich unruhig schlafen. Was, wenn eine sonstwie hohe Rechnung in das Sommerloch schwappt? Der Fahrzeugaufbereiter hat ein Herz für sorgenvolle Rückgeber und eigene leidvolle Erfahrungen in diesem Metier gemacht. Die Freude ist daher groß als die Aufbereitungskosten sich noch im dreistelligen Rahmen halten – das Auto dennoch aussieht wie neu. Und gucken Sie nicht so genau hin, sonst finden Sie eher was als der Prüfer, sagt er noch, als er plötzlich die Augen aufreisst und ich das Weiß seiner Augäpfel mehr bewundern kann, als mir lieb ist.

Doch statt sich meiner Pingeligkeit wegen zu echauffieren, reisst sein Arm an mir entlang, und zeigt direkt hinter mich. Ja? Da! Ja? Da, liegt einer! Jaja, denke ich selbstgefällig, wer sollte hier im durch Autos dominierten Industriegeb…oh!…denke ich noch beim Umdrehen und sehe es dann.

Ich sehe ihn, Schuhe mit Profil, der Körper liegt schlaff mit dem Gesicht auf dem Boden. Keine Regung, wie sie für eine kurze Kreislaufschwäche typisch wär: der Mensch rappelt sich nach Flachlage wieder auf. Hier passiert nichts. Wir hetzen die Meter zu dem unbekannten Herren. Er ist auf laute Ansprache erweckbar, gibt ungefragt Schmerzen in der Brust an und eine Vorgeschichte des Herzens. Lebensgefahr!

Unsere Herzen rasen, die Leasingrückgabe könnte weiter weg nicht sein. Wie nichtig unsere Wohlstandsprobleme sind!

Der Notruf wird abgesetzt, der Herr aufgesetzt, um ihm die Atmung zu erleichtern. Der Aufbereiter holt grade eine Decke, da verdreht der Mann die Augen, es ist ganz typisch, sein Kopf kippt rüde ungehindert nach hinten. Er stirbt, ich sehe es, hab es in meinem früheren Job im Rettungsdienst gesehen. Dann folgt das, was ich zig mal im Einsatzdienst machte und tausende Male in Schulungen vollführte: Kopf überstrecken, Atmung prüfen. Es passiert, ohne das ich es aktiv steuere.

Ersthelfer haben immer wieder Zweifel, ob man einen Atemstillstand wirklich feststellen kann. Man kann. Da ist nichts. Ich schiebe sein Hemd hoch und beginne schnell, tief und fest auf sein Brustbein zu drücken.

Es geschah eine Seltenheit bei einer Reanimation: der Patient zeigt nach wenigen Herzdruckmassagen wieder Lebenszeichen, ist sogar wieder ansprechbar.

Der Schlüssel für überhaupt erfolgreiche Herz-Lungen-Wiederbelebungen ist der zeitnahe Beginn nach Kreislaufstillstand. Nichts kann den frühen Beginn übertrumpfen. Kein Arzt, kein Medikament, keine Klinik.

In Lebensgefahr ist der Patient dennoch, er hat einen schweren Hinterwandinfarkt, wie später das EKG zeigt. Ob er überlebt, überhaupt noch lebt, ist fraglich. Ich werde es wohl nie erfahren, Datenschutz.

Reanimieren ist immer eine belastende Situation, wohnt man doch dem potentiellen Sterben eines Menschen bei, war der letzte, den er gesehen und gesprochen hat.

Anders als im Rettungsdienst, fehlt einem die Sicherheit des Systems: keine Leitstelle, kein Team, kein Fahrzeug, kein Material. Es ist unglaublich einsam, es überfordert, macht nachdenklich.

Der Helfer braucht nur seine Hände, und doch so viel mehr.

Nachtrag: Ich treffe den Menschen fünf Tage später. Er ist soweit wieder fit und geht nun in die Reha.

Er feiert nun am 24.05. immer seinen zweiten Geburtstag.