Die wohl teuerste Zunge der Welt

Was passiert, wenn ein Autor und eine Künstlerin den Big Apple, genauer gesagt, Manhattan, durchschreiten und ihre Erleben mittels ihrer Profession festhalten? Ein textlich überzeugendes Buch.

Der Beginn ist dort, wo alles begann. Der deutsche Journalist Niklas Maak (FAZ) und die kanadische Künstlerin Leanne Shapton beginnen ihren Fußmarsch am Staten Island Ferry Terminal und durchschreiten Manhatten anhand einer geraden Linie von Süd nach Nord. Warum? Genau so spielte sich die Besiedelung ab. 

Reicht denn ein Leben für New York? Es ist wohl nicht ausreichend, alles an dieser Stadt zu erleben, die auf so geographisch klar definiertem Raum existieren muss. Sich Grenzen oder ein System zu setzen, hilft, nicht an grenzenloser Verzweiflung der Unfähigkeit allen touristischen Erlebens zu zerbrechen. Generell stellt sich die Frage: was bedeutet „ich war da“? War man in New York, Boston, Paris, London? 

Eigentlich nicht, denn man hat Häuser, Straßen, Viertel, ja maximal, Viertel besucht. Die immer mit „typisch“ beschriebenen Eigenschaften einer Stadt, sind ein Versuch darüber hinwegzutäuschen, dass das Erleben so diversifiziert ist, weil es muss, dass es nicht ertragbar wäre. Aber genug der Erlebnistheorie.

Orte wie NYC werden oft gern als „Schmelztigel“ etikettiert und es trifft das Ganze schon genau. Wie viele Kulturen, Lebensarten, Religionen und Anschauungen sich hier auf sehr kleinem Platz arrangieren müssen, die Angst von Ostdeutschen vor Flüchtlingen könnte da kaum grotesker wirken. 

Maak gelingt textlich ein Konvolut treffender Miniaturen alltäglicher Beobachtungen gemixt mit straffen historischen Informationen und Hintergrundwissen zur Stadt. Der zweispaltige Text ist wider Erwarten gut lesbar, die Textform gibt öfters dem Gemalten den Vorrang, was eine künstlerische Form bestätigt. Die geschichtlichen Daten sind nett, überzeugend sind aber die Alltagsbeobachtungen, die mit genauem Blick und scharfer Kontur nachzeichnen und in einen Kontext gesetzt wurden.

Die Tuschezeichnungen hingegen überzeugen derweil nicht. Dunkel in dunkel, nur selten aufgepeppt mit Orange, geben diese die im Text erlebten Inhalte in abstrakter Weise wieder, wirken aber dennoch ermüdend monoton dunkel, ohne das dies der Textverlauf verlänge. Das ist schade, reduziert es doch im Unterbewussten die Blätterstimmung, und es keimt ab und an der Wunsch, der Text stünde für sich. 

Der Hanser Verlag hat ordentlich in die Ausstattung investiert, sodass die 25€ sich durchaus rechtfertigen (das Buch ist überproportional schwer). Neben dem guten Papier, der gestanzten Manhattan-Silhuette des Umschlags, kommt auch noch die neckische Klappkarte hinzu, die den exakten Weg der beiden Autoren nachzeichnet, denn so ganz ließ sich die gerade Linie dann doch nicht nachgehen.

Wer einen künstlerisch gestalteten independent „Reiseführer“ der anderen Art für Manhattan sucht, hat hier sicher seine Freude daran. Die Reduktion der Eindrücke durch das Entfallen jedweder Bilder, regt zum Träumen an. Durch genug Bildmaterial aus Film und Fernsehen angereichert, entstehen automatisch Bilder im Kopf, die mit der Realität sehr konvergent sind. 

So wie die Bevölkerung die Zunge besiedelte, so ist auch die Touristenschar nicht frei von Trampelpfaden. Die typischen Stadtpläne für Touristen enden weit vor der 143rd Straße, denn so weit schafft es eh keiner. Aber vielleicht Sie? 

 

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar
Beitragsbild und alle weiteren hiesigen Abbildungen: (c) Hanser Literaturverlage