Michael Angele: Schirrmacher

Es ist zurzeit das gleiche Wetter wie an jenem 14. Juni 2014, als die Verlagswelt erschrocken der eigenen Vergänglichkeit wegen zuckt.

Der Doyen des Feuilletons war urplötzlich aus dem Leben gerissen. Mit nur vierundfünfzig Jahren verstarb der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Frankfurt am Main. Die Zeitungen liefen in der Berichterstattung zur gedeckten Hochberichterstattung aus.

Mathias Döpfner, Chef von Axel Springer, erzählte von seiner letzten Begegnung mit Schirrmacher in Rom; er wolle sich mehr der adriatischen Stimmung widmen, schrieb der dauerkommunizierende Journalist an Döpfner. An der Spanischen Treppe soll er, laut Angeles Quellen, Atemnot erlitten haben, kurze Zeit nach diesem Vorfall, verstarb er an einer kardialen Ursache.

Wer war dieser in jungen Jahren unscheinbare Mensch, der sich zu einem Machtstrategen und Weltendeuter wandelte? Der unablässig kommunizierte und scheinbar so ausbrannte, dass er so früh verstarb.

Die Süddeutsche veriss das Buch, welches mein Chefredakteur beim Freitag, Michael Angele, nun vorlegte, als durch und durch boshaftes Buch. Die FAZ druckte Auszüge, die Nils Minkmar auf twitter mit „Besser, man stirbt nicht“ kommentierte. Auch der Freitag druckte einen Abschnitt, hier thematisch das Zusammentreffen Schirrmachers mit Egon Krenz.

Das Personenregister ist ein Who-is-Who, die Quellenangaben sind penibel überbordend. Es muss einen unglaubliche Arbeit gewesen sein, die Angele da mehr als ein Jahr neben dem Job beschäftigt hat. Die Quellen sind aber dadurch bezeichnend, dass die meisten anonym sind. Vielen fürchten wohl noch immer den Schatten des Meisters. Für Angele als Portraitierenden spricht, dass er weder Jünger noch wirklicher Weggefährte, noch Hasser war; dennoch ist Angele etwas. Er war zwar bei den von Schirrmacher initiierten Berliner Seiten der FAZ einer der Redakteure, sah Schirrmacher wenn nur von weitem, wenn nur von hinten. Kennen ist da wirklich zu viel gesagt.

Es ist ein Konvolut an Pigmenten der Beschreibung einer Person. Ein multiperspektivisches Ensemble, welches ein Bild gibt und auch wieder nicht. Kennen wir Frank Schirrmacher nun? Kann man überhaupt wen kennen? Nein. Wohl nein. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass dem Erzählfaden ein boulevardesker Zug beiwohnt, den sicher den SZ-Rezensenten auf die Palme getrieben hat. Es ist das dramaturgische Palmöl.

Christopher Lauer schrieb auf twitter, Angele habe sehr ungehalten reagiert, als er sich nicht zu FR, der sein Freund gewesen sei, habe äußern wollen. Es ist ein Spagat, ein postumes Portait zu schreiben, ohne Menschen zu nahe zu kommen.

Schirrmacher war eine Ausnahmeerscheinung, ein grandioser Taktiker, gefürchtet und respektiert. In Alarmismus gebadet und wohl dennoch oft recht habend. Hatte er Fehler, Grobheiten? Ja, klar. Aber wer nicht?

Ein Idol zu entidealisieren ist vielen ein Graus, würde es die Arbeit der vorangangenen Bewunderung doch als obsolet erklären. Niemand ist ohne Schein, niemand ohne Fehler. Was war mit Schirrmachers Magisterarbeit und der angeblich nur zwanzig Seiten längeren Dissertation? Man wird es nie mehr klären können.

Angele hält dennoch des boulevardesken Zuges seine eiserne Disziplin an quellenbasierter Sachlichkeit durch. Und zwischen den Zeilen liest man immer wieder ein Wort, welches so kupfern blitzt, wie der wunderwolle Umschlag: B e w u n d e r u n g.

Michael Angele: Schirrmacher. Ein Portrait ist erschienen bei Aufbau Verlag

Ich danke dem Verlag für das kostenlose Rezensionsexemplar.