Max Porter: Trauer ist das Ding mit den Federn

Dieser Roman (ich finde, eher Erzählung / oder: ein Werkwesen für sich) überfordert mich. Es ist keine Art des Genusslesens, sondern des Auseinandersetzens mit etwas, das man nicht bildlich machen kann. Wie Wind. Nur mit kleinen Hilfsmitteln und dann auch nicht wirklich. Das „es“ an sich gibt es nicht visualisiert. Das bedeutet aber bei weitem nicht, dass es dadurch weniger gering, mehr verdrängbar wäre. Ganz im Gegenteil.

Es gibt eine sehr herzzerreißende Reportage über die Angehörigen des Flugzeugabsturzes der Germanwings 2015. Dort kommen auch Kinder (sprich Geschwister) der getöteten Schülerinnen und Schüler zu Wort (unabhängig, ob man das gut findet in sich). Sie werden auch bei der aktiven Trauerarbeit gezeigt und dabei bekommt die Trauer einen Ausdruck im Malen. Die Trauer ist Schwarz – wie eine Krähe. Die Krähe die in Porters Debüt die Rolle (vll. mythologisch hergeleitet – nicht mein Fachgebiet – bedenken Sie aber Ludwig Hirsch, der in diesem Zusammenhang auch einen „großen schwarzen Vogel“ besang) der Trauer einnimmt. Sie riecht nach Verwesung, sie stinkt, sie ist da und wirft um. Sie drückt.

Es sind 124 Seiten mit viel Platz. Dieser Platz könnte auch schwarz sein. Die Krähe. Aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet Porter die Familie, deren Frau tödlich verunglückte. Das ganze bleibt namenlos, final auch handlungslos. Aber was ist Handlung schon in tiefer Trauer? Die beiden kleinen Söhne differieren sich im Laufe zu Individuen der Empfindung. Und die Krähe: murrt und gurrt in Texten, die teils schwer lesbar sind und deren Hintergründe mir oft verborgen bleiben – fehlendes Wissen.

Porter hat aber etwas in Text gegossen, was man sonst nur malen kann, wofür die angehörigen Kinder der Germanwings-Katastrophe die Farbe Schwarz als einzig erträgliches Zeichen ihres bodenlosen Schmerzes nutzen. Er moduliert dieses Gefühl, diesen Zustand des Verlustes in ein Tier, eine Erscheinung, die solange da ist, bis man sie nicht mehr braucht. Denn auch das wissen/begreifen/verstehen viele Menschen nicht: Trauer muss, wie auch immer gelebt werden. Ob die Menschen Texte schreiben (Bärbel Schäfer: Ist da oben jemand?), Bilder malen oder reden oder – oder – oder. Trauer ist hochindividuell. Porters Roman auch.

Max Porter: Trauer ist das Ding mit den Federn – erschienen bei Kein & Aber (CH) als Taschenbuch („Pocket“) 

_Ich danke dem Verlag für die kostenfreie Stellung des Rezensionsexemplars.