Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb

Klassendenken. Was für ein fernes Wort für die meisten Menschen in ihrem heutigen Lebensalltag. Die Zeit ist aber nicht lange her, als die Klasse, in die man unweigerlich geboren wurde, spürbar war. Geben tut es sie immer noch, man fühlt es bloß weniger. Gemeinschaften sind von Bündnissen und Abgrenzung gekennzeichnet. Ohne Abgrenzung keine Gemeinschaft. Dies kann man nun noch horizontal und/oder vertikal betrachten. Dennoch, es gibt sie unweigerlich. Die Verweigerung der Anerkennung von Klassen bestätigt selbige umso mehr. Ist ein Aufstieg möglich – beispielsweise aus dem Proletariat in die intellektuelle Ebene?

Schwierig, und zurzeit wieder schwieriger. Gerhard Schröder hat es geschafft, Siegfried Unseld auch. Aber immer mit dem Malus, es beweisen zu müssen (Lesen Sie dazu das Interviews mit Raimund Fellinger im SZ-Magazin).

Es ist immer eine kompensatorische Ebene im Spiel, die grundlegend nicht schlecht sein muss; außer sie wird asozial. Asozial ist das frühere Ständedenken, welches heutige Menschen den Kopf schütteln lässt. Da wird gemeinsam Downton Abbey geschaut und romantisiert wahrgenommen, dass es da viele horizontale Ebenen gibt. Der Durchstoß nach oben fast unmöglich und wenn dramenbehaftet.

Ishiguro schrieb 1989 seinen Roman Was vom Tage übrig blieb und erhielt nun, 2017, den Literaturnobelpreis mit der Begründung, er habe in Romanen den Abgrund unter unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt bloßgelegt. Er zeichnet die Figur des Butlers Steven auf einem englischen Anwesen, der in etwas gestoßen wird, was er nicht kennt: das Leben außerhalb des Sitzes seines Herrn. Sein Herr ist vergleichsweise sehr gütig zu ihm und lässt ihn, aufgrund einer längeren Abwesenheit seinerseits, so etwas wie Urlaub machen und unterstützt ihn sogar dabei, indem Stevens dessen Auto nutzen darf. Ob das realistisch denkbar ist, entzieht sich meiner Geschichtsbildung.

Bitte bedenken: Urlaub und die damit vorhandene Industrie sind ein sehr neuzeitliches Gebilde. Freizeit sei früher für die Bauern eine Pfeife am Abend gewesen, sagte Hubertus Meyer-Burckhardt einmal in einem Radio-Interview auf die Pflichtschuldigkeit des Urlaub-Machens angesprochen.

Für den Plot, einen Menschen aus einer Schicht in eine Welt zu schicken, die ihm arbeitsbedingt gänzlich verschlossen bliebe, ein spannendes Gedankenexperiment. Wie findet sich jemand in einer Welt zurecht, in der sonst nur vom Hörensagen weiß. Wie verändert er sich, sein Verhalten, wie reagiert er auf menschlichen Kontakt? Und: wie interagiert er mit seiner ehemaligen Kollegin, Ms. Kenton, die er in Cornwall besuchen will und wird. Ishiguro kann an dieser Reise eine ganze Persönlichkeit durchreflektieren, seine Vergangenheit, damit seine Herkunft und seine Persönlichkeit. Die Reise ist eine metaphorische und die wechselnde Umgebung bildet die weiße Wand des Erlebens der eigenen Person – wie der Verlag richtig schreibt: die Reise zu sich selbst.

Ishiguro gelingt der glaubhafte Duktus eines wahren, sich hingebenden Dieners durchgehend. Die Übersetzung schafft es, diesen Duktus glaubhaft zu transferieren. Aktuell lese ich Murakami und habe hier erfahren, dass aus Kostengründen zwischenzeitlich nicht direkt aus dem Japanischen übersetzt wurde, sondern aus dem Englischen, welches wohl zu Einbußen der Qualität führte. Nun wird Murakami wieder direkt übersetzt, von Ursula Gräfe aus Frankfurt. Ishiguro hingegen kam 1960 nach London (geboren 1954 in Nagasaki) und studierte dort später Englisch und Philosophie (und schreibt/schrieb meiner Ansicht nach auf Englisch – das vorliegende Werk wurde aus dem Englischen übersetzt). Mit dem vorliegenden Werk schaffte er einen Weltbestseller.

In der mir vorliegenden Hörbuchausgabe wird das Buch von 288 Seiten ungekürzt von Gert Heidenreich gelesen. 8 Stunden und 51 Minuten eine der besten Stimmen, die man sich im deutschsprachigen Markt vorstellen kann. Von einer Markanz (eigene Wortschöpfung) geprägt die seinesgleichen sucht. Heidenreich ist in einer Liga mit Charles Brauer und Christian Brückner. Also allein seiner Stimme wegen ist es ein Genuss.

Auf 8 CDs in einem angenehm gestalteten Schuber, inklusive Dank an die Beteiligten, kommt das Hörbuch daher, die Aufnahmequalität ist so wie zu erwarten. Was mir etwas schwerfiel, war das Erkennen der CD-Reihenfolge, da die Nummern teilweise verdeckt waren durch die Einschübe – aber nun gut, geschenkt.

Gehen Sie mit auf eine hör- und spürbare Reise – wir sehen uns!

Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb ist erschienen bei Random House Audio

Ich danke dem Verlag für die kostenfreie Stellung eines Rezensionsexemplars.