Die verborgene Bibliothek

Alberto Manguel hat eine intensive Beziehung zu seinen Büchern, seiner Sammlung. Bücher gehören nicht nur ein Objekt des gelesenwerdens, der Anhäufung von Texten, Wissen, Buchstaben. Es ist ein lebendes Objekt mit Ecken, Kanten, Macken aus denen die Erinnerung erwächst, mit diesen Gegenständen, Zeit(en) erlebt zu haben. Sie sprechen Geschichte, haben Eintragungen, haben Charakter. Sie riechen. Man kann zu Büchern eine sehr heimelige Beziehung haben. Sie als Bereicherung empfinden, ohne sie primär zu lesen, bzw. alle gelesen zu haben. Auch eine so füchterliche Attitüde rücksichtsloser Besucher, die wie ein Fahrkartenkontrolleur erstmal fragen, ob man denn auch alle Bücher brav gelesen hätte.

Die Menschen haben Angst vor Wissen, wollen eigentlich ihre Ruhe, das lässt sie so abwertend reagieren, bewiesen sie doch bei Verneinung des kompletten Lesens vorliegender Bibliothek, dass diese nicht dem Zwecke diene, sondern nur vortäusche. Gewiss, viele Bibliotheken täuschen vor. Die Autorin Eva Demski monierte im Interview mit mir, dass es nicht gelesene Bücher fürchterlich sein. Meinen tat sie damit Bücherregale die wirklich nur ein Posing, ein Statement sein sollen. Diese gibt es sicher, sicher aber weniger als früher. Heute sind es technische Dinge, die Bildung in einen transformativen Zustand geworfen haben. Dennoch, Bücher können ein Sammelobjekt sein und vor allem, ein Nachschlageobjekt. Man muss nicht jede Seite sklavisch gelesen haben, um zu gelten. Bücher sind keine zu stempelnden Fahrkarten der Bildungszugehörigkeit.

Wie jeder Mensch kann man zu Objekten eine Nähe liebevoller Art entwickeln. Bei Manguel sind es Bücher, die er eben auch nicht alle liest, und dennoch liebt. Er behandelt sie gut, er hat eine Beziehung zu ihnen. Da seine Sammlung zurzeit in Umzugkartons lagert, durchwandert er in Gedanken seine literarischen Katakomben. Manguel kann seine Beziehung zu Büchern, zu Wissen verbalisieren, verschriftlichen. In seinem aktuellen Buch Die verborgene Bibliothek verfasst er zehn Essays über das Bücher besitzen, das Pflegen der Bibliothek, den Aufwand der dieses mit sich bringt, dass er keine Bücher verleiht, sondern lieber eines verschenkt. Seit Dezember 2015 ist er Direktor der argentinischen Nationalbibliothek – wer könnte es besser als er?

Für Menschen, die Bücher lieben, ist Manguel der Autor der Wahl. Unabhängig, welches seiner Werke.

Alberto Manguel: Die verborgene Bibliothek – Eine Elegie und zehn Abschweifungen

 

Ich danke dem Verlag für die kostenlose Überlassung eines Rezensionsexemplars