Gescheitert am Umfeld – Martin Schulz

Im Jahr 2007 kaufte ich im bitterkalten Wien in einem Antiquariat im ersten Bezirk ein Buch, klein, es fiel fast auseinander. Es war von der ZEIT-Reporterin Nina Grunenberg, die den Kanzler, das war damals Helmut Schmidt in seiner Blüte, vier Tage begleitet und darüber ein Dossier schrieb, welches dann in Buchform erschien und nun vergilbt in meinem Händen lag. Ich habe es verschlungen, mental neben Schmidt sitzend. Neben Schulz kann man nun auch sitzen, aber eben nicht neben dem Kanzler.

Martin Schulz tut mir leid. Von Herzen und noch mehr. Dieser Mann ist so sehr an seinem Umfeld und der Mission gescheitert, dass es einem nur leidtun kann. Dabei geht es nicht um Schuld, sondern um Aussichtslosigkeit. Diese Sache war von Anfang an dem Untergang geweiht. Wie auch zurzeit die Mission der SPD. 154 Jahre Geschichte sind schön, aber kein Garant für irgendwas – siehe Nokia, usw. An meinem Kühlschrank hängt noch der SPIEGEL-Titel „Sankt Martin“, den ich schon zum Erscheinungstermin als journalistisch-schrill wahrnahm. Und mir immer dachte: was geht in diesem Menschen vor, merkt der nicht selber, dass diese Aussagen, er würde Kanzler werden, völlig realitätsferner Schwachsinn sind? Er wusste es. Dass man dies aber in so epischer Weise würde nachlesen können, war selbst mir nicht einer Wette wert.

Markus Feldenkirchen ist Autor beim SPIEGEL und durfte Schulz begleiten, einzige Prämisse von Schulz: alles erst nach der Wahl veröffentlichen. Keine Autorisierung, keine Änderungen der PR wegen. War auch nicht mehr nötig. Die finale Lage so schlecht, das Schönen nur noch grotesker gewirkt hätte. Die Titel-Story im SPIEGEL habe ich bei zwei Cortado gierig weggelesen und obwohl aktuell Alexander Osang im gleichen Blatt bewiesen hat, dass schön schreiben noch nicht gut schreiben sein muss, kann Feldenkirchen hier mit seinem Bericht punkten.

Der Verwunderung war kein Halten, als das ganze nun also auch noch in Buchform auf dem Markt kam. Warum auch in Zeichen limitieren? Das Buch verkauft sich gut, mein Rezensionsexemplar ist bereits die zweite Auflage. Ich las es gern und straff, aber Feldenkirchen portraitiert den Verlauf, den er immer wieder in den Kontext des laufenden Politikbetriebs setzt, sehr minutiös. Mir zu minutiös, somit ich bei Seite 140 dann das Buch zur Seite legte und danach nur sporadisch hintere Kapitel blätterte. Denn es ist eine immer weiter gehende Geschichte des Scheiterns und manchmal schämt man sich, dass das alles nun auch noch öffentlich rezipiert wird, werden kann.

Was mir gänzlich fehlt, sind Bilder. Einen Bildteil hätte ich mir wirklich gewünscht, so bleibt das ganze relativ grau – wie die Kampagne. Auch ein Lesezeichen wären bei 316 Seiten irgendwie schmuckig gewesen. @Verlag: Warum fehlt so etwas?

Zusammenfassend: Feldenkirchen kann schreiben, man kann das Buch durchaus bei Interesse kaufen, mir reichte der SPIEGEL-Titel als Spannungsbogen.

Markus Feldenkirchen: Die Schulz-Story ist erschienen bei DVA/SPIEGEL-Buchverlag

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Ich danke dem Verlag; erhalte kein Honorar, aber das Buch kostenfrei.