Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze – Wilhelm Genazino

Der Roman von Wilhelm Genazino habe nur 175 Seiten, vermeldet der Deutschlandfunk und ich stöhne innerlich und erhebe die innere Stimme zu kreisenden Hasstiraden der von Messzwängen beherrschten Kritiker. Verdammte Hacke, was hat die Seitenzahl mit einer Kritik zu tun? Einzige Antwort: Nix. Es geht mir so auf die Nerven, immer wird mit dem Verkaufspreis und der Seitenzahl rumgefuchtelt. Bei Büchern von Gerhard Steidl, die in Ausnahmefällen 6.000 Euro kosten können, verstehe ich das. Bei Romanen, Erzählungen etc. verstehe ich es nicht und es nervt mich, an diesen Zahlen irgendetwas ableiten wissen zu wollen. Kunst ist nicht messbar und ich werde nicht müde, dass immer wieder harsch zu betonen.

Denn insbesondere Genazino, der vor kurzem 75 geworden ist, lebt davon, dass er verdichtete, verdrechselte, hochkomplexe und sehr saftige Texte schreibt. Wer Genazino ernsthaft liest, der braucht Zeit. Denn seine Seiten benötigen mehr Aufmerksamkeit als diese hingeschluderte Gebrauchsliteratur mit Wendecover. Genazino ist ein so wunderbar genauer Beobachter der Welt, die abstrus, verkehrt, verwirrend ist und dennoch vom Großteil der Menschen als glatt-normal wahrgenommen wird, dass er bei mir tiefe Zustimmung und eigene Gedankenbäume weckt. So lese ich seine Abschaffel-Trilogie auch nur ein paar Seiten und Träume dann über das Sein und das Werden. Über die Abgründe und die Abnormitäten der Normalität.

Er schreibt in einem engen, gleichbleibenden Takt, die Handlung ist in zweiter Reihe präsent, aber es geht bei ihm um den raunenden Groove, um die Kritik, um die Kuriosität des Lebens. Viele Kritiker halten sich mit irgendwelchen Inhalten auf, die sind aber völlig nebensächlich, da nur beispielhaft für das, was Genazino ausdrückt und damit der Semiotik nahe steht: warum ist das das und warum nennen/machen wir das so? Wie wäre es, wenn wir es anders machten? Genazinos Protagonist ist namenlos – auch hier stürzen sich alle darauf und suchen – wie Depperte – einen Namen. Was sich damit bestätigt: Dass die Leute so real so sind, wie Genazino sie beschreibt. Er bildet Realitäten ab, er steht kritisch der Erwerbsarbeit gegenüber und lässt den Protagonisten in monetärer Abhängigkeit von Frauen leben.

Genazino schafft in seinen verdichteten, verdrehten, verengten Texten die Weltformel. Das ist es, das Leben. Es geht nie um faktische Inhalte, sondern nur um das Sein.

Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze ist erschienen bei Hanser

 

Ich danke dem Verlag, ich erhalte kein Honorar. Das Buch wurde mir kostenfrei gestellt.