„Leben ohne Leitplanken“ – Andreas Maier

Andreas Maier legt bei Suhrkamp seinen sechsten Band der Ortsumgehung vor. Doch das ganze ist kein Roman. Es ist viel mehr. 

Auf elf Bände soll die Ortsumgehung wachsen und ihn somit noch einige Zeit beschäftigen. So alt wie in diesem Band, war der Protagonist noch nie, resümiert Maier bei der Lesung an seiner Alma Mater, der Frankfurter Uni. Die Bibliothek randvoll mit raunenden Bildungsbürgen („Der Fellinger ist auch da? – Ja!) in wolligen Jacketts und wollender Attitüde. Leben ohne Leitplanken sei das nun, so Maier.   

„Hast du in einem meiner letzten vier Bücher irgendeine Handlung entdeckt?“, fragt Maier. „Natürlich!“, antwortet sein Lektor im Blauen Montag (siehe unten).

„Die Universität“ lautet der Titel des 144 Seiten starken Textes, der gross gedruckt und zeilenweit gespreizt ist. Auch bei Handke monierten das Menschen schon, dass er „nur“ schmale Bändchen rausbrachte, was Handke wiederum gerne aus der Fassung brachte. Zu recht. Weil es nicht relevant ist, wie viel Kunst genug ist, um kunstvoll zu sein. Katja Lange-Müller, Meisterin der Brühwürfel-Texte, wurde bei ihrer Poetikdozentur in Frankfurt nicht müde zu erwähnen, dass die Länge eines Romans niemals etwas mit der Qualität zu tun habe, denn eben mehr mit der Geltungssucht des Schreibenden. 

Katharina Schmitz vom Freitag schrieb in ihrer Rezension, dass man die Seitenstärke auch immer unter dem Punkt des Teilwerks sehen muss. 

Handke schreibt gut, Lange-Müller und Schmitz haben recht. Punkt um. Handke wiederum mag nicht die Bezeichnung „Roman“, präferiert Erzählung. Maiers Werke sind auch Erzählung statt fixem Roman. Beide haben übrigens ein und denselben Lektor: Raimund Fellinger.

Dass was Maier erreicht, ist, zu beflügeln. Nicht nur weil er Doctor Flotte und mein geliebtes Studenten-Kaffee Bastos erwähnt (geschlossen und durch ein seltenst volles Schicki-Micki-Restaurant ersetzt, grrrr), sondern weil er auf wenige Seiten große Dinge auf den Punkt verortet, erlebbar macht. Fühlbar macht er auch eine düstere Tendenz, eine Traurigkeit, eine Allergie auf sich selbst, die ihm innewohnt, aber dazu befähigt, Dinge wahrzunehmen und zu erschreiben, die der angeblich normale Mensch, gar nicht (mehr) wahrnimmt. Sie zwingt ihn zeitweise auf die Matratze, lässt ihn von seiner eigenen Person weggleiten.

Auch wenn Maier vom „Protagonisten“ spricht, so redet er immer über sich, den Zurückgezogenen, den Studenten aus der Nowhere-Wetterau, den es nach Frankfurt zu den Geisteswissenschaften zieht (2002 über Bernhard promoviert) und der zu Beginn des Studiums eben auf sich selbst allergisch wird, den Hegel-Japaner von Fern, dann von Nah sieht, in der Außenstelle der Bindernagelschen Buchhandlung Mikrowahrnehmung der minimierenden Zersetzung der Ableger erlebt, mit seiner inneren Stimme bei Abreisen hadert, der Gretel Adorno im Kettenhofweg 123 pflegt und dann über die Autobahn verschwindet. 

Ob er wirklich Gretel Adorno pflegte, will sein Sidekick, der wie Dieter Nuhr klingt, wissen. Er presst, presst stärker, bejaht. Ob es stimmt? Egal. 

Denn er wächst daran und gleitet über in das Autobahnkapitel. Er, der Autofahren widerwillig lernt und darüber die grazile Angst hat, das mit einem Ruck beim Fahren alles vorbei sein kann, führt in das big picture des menschlichen Seins über die A5.

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PS: Zu Gretel Adorno hat Rainer Erd eine hinreissende Geschichte in einem Erinnerungsbuch des Suhrkamp Verlags geschrieben. Sie sei die Geschichte eines Freundes, der zu Adorno wollte, um seinen Professor in einer schwierigen Liebesfrage zu kontaktieren… Zu Adorno kam er nicht durch, aber zu seiner liebenswürdigen Frau Gretel, die ihn beriet. Lesen Sie die ganze Geschichte in diesem Buch: „Adorno-Portraits. Erinnerungen von Zeitgenossen“.

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Seh-Tipp:
Hinweisen möchte ich auf die langen, aber sehenswerten Gespräch („pah, immer diese Kehlmannsche Besserwisserei!“ – R.F.) von Andreas Maier und seinem Lektor, Raimund Fellinger. Diese Reihe umfasst sieben Videos; das siebte und letzte sei hier verlinkt, der Rest ist dann auf YT leicht findbar. Für diese Gespräche braucht man Ruhe und auch etwas Nerven, weil sie teilweise sehr langatmig und elegisch sind, aber dieses überwunden, haben sie ihren Charme und Wissenswert.

 

Ich danke dem Verlag, ich erhalte kein Honorar.