Glavinic: Jonas-Komplex

Habe ich den Jonas-Komplex verstanden?

Nein.

Muss man ihn verstehen?

Nein.

Kunst muss überfordern, sagte einst Roger Willemsen. Nicht alles muss man verstehen, man kann es aber insofern versuchen, indem man sich dem Künstler und seinem Werk stetig nähert. Verstehen bedeutet in meiner Interpretation, sich seiner eigenen Deutung bewusst zu werden. Den finalen Abgleich mit dem Autor gibt es nicht. Peter Härtling wies in Lesungen zu übergriffige Fragen hinsichtlich des Abgleichs von Plot und Biografie strikt ab.

Was die Formlosigkeitshölle sei, fragt Corinna Belz Peter Handke in ihrem Kinofilm über den Wanderer aus Chaville. Ent- und genervt wirft Handke den Kopf zur Seite: Fragen Sie sich, nicht mich!, faucht er – und man will ihm spontan recht geben. Wahrscheinlich befinden wir uns grad in einer solchen Formlosigkeitshölle, mutmaßt Belz.

Wenn Kunst erklärbar, deklinierbar wäre, sein müsste, wäre sie keine Kunst mehr – denke ich, fühle ich. Manchmal frage ich mich bei meinen Texten später, wie ich auf die Wendung, auf den sprachlichen Kniff kam – und komme zu keinem nachvollziehbaren Ergebnis. Da ist sie!, denke ich. Die Kunst!

Menschen haben versucht, den besonderen schwebenden Moment der Textentstehung zu konservieren. Sei es Corinna Belz mit ihrem Film über Handke (oder vorher über den Maler Gerhard Richter) oder die Fotografin Herlinde Koelbl mit ihrem Bild-Interviewband „Im Schreiben zuhaus“. Haben sie Antworten gefunden? Nein, aber schöne Beschreibungsläufe. Das eigentliche, das bleibt verborgen, ist nicht abbildbar.

Jemand der sich der Eigenbespiegelung höchstselbst hingibt, ist der österreichische Autor Thomas Glavinic. Man ahnt, es ist mehr autobiographische Masse in den mittlerweise zehn Romanen des Grazers (Wer will schon in Graz berühmt werden?), der in Wien lebt.

Glavinic ist ein unsteter, ein vulnerabler, ein damit dem Fühlen überhaupt mächtiger Charakter. Das nämlich Menschen heutzutage unmenschliche Pensi von Aufgaben, Zeitabläufen meistern können, obliegt ihrer antrainierten Gefühllosigkeit. Der Peak bestimmt das Erlebnis. Brennen muss es. An Kleinigkeiten wird sich nicht erfreut, für Empfindsame unerträgliches wird ohne Notiz davon zu nehmen toleriert. Ja, und? Ist doch nichts dabei. – So wird man kein Schriftsteller.

Es ist die Last der Bürde des Fühlens, der dreidimensionalen Wahrnehmung des Ist und des Wäre. Glavinic leidet am Leben und kann so konturierte Abbildungen in seinen Werken liefern. Umgeben von fiktionaler Handlung bildet er das wahre Leben so ungeschminkt ab, dass sich Leser abwenden, oder nie hinwenden.

Sein Buddy, der everbodys-Darling-Schwiegersohn Daniel Kehlmann (immer diese Kehlmannsche Bessereisserei, Raimund F. ) feiert mit seinen historischen Gluckerromanen Millionenerfolge. Ganz klar, nie wollten die meisten Leser wissen, was ist, sondern wie es war, hätte gewesen sein können oder würde können sein. Aber bloß keine Realität. Flucht dem Unausweichlichen. Wegducken zwischen Buchdeckeln. Doch da wacht man bei Glavinic eben genau wieder da auf, wo man wegwollte. Mit scheinbar lockerer Hand durchwühlt er gesellschaftliche Tabus wie Treue oder abgrundtief böse Wünsche. Er zeichnet die Literaturbranche in dunklen, aber eben tatsächlichen Farben.

Die Epik die der Österreicher dabei entwickelt, ist ungebrochen. Bögen spannen, das könne er, so offenbart in seinem Buch Meine Schreibmaschine und ich. Dennoch seien seine ersten Romane in der Schublade der Verdammnis geblieben. Sein 700-Seiten Opus magnum über dein alter ego bricht nicht ab, die Storyline bleibt gespannt wie ein straffes Wäscheseil.

Glavinic hat einen Flow, einen offenbarenden Kern, den es gilt als Kunst anzuerkennen. Doch der Weg ist steinig, der Weg tut weh, erkennen kostet Kraft.

Und damit, damit ist es Kunst.

Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex

Tipp: Das Buch ist auch als Taschenbuch verfügbar!

Ich danke dem Verlag, erhalte kein Honorar.