Brühwürfel-Biografie

Katja Lange-Müller kannte ich nur mittelbar als Autorin. Ihr Portrait in Herlinde Koelbls Bild-Interview-Band war mir aufgefallen, da der Begriff „Brühwürfel“ fiel. Es ist das Arbeitsprinzip von Katja Lang-Müller: Texte schreiben und dann so lange destillieren, bis sie auf das notwendigste ihrer Aussagekraft geschrumpft sind. Das sind dann ihre berühmten textlichen Brühwürfel.

Lange-Müller hatte 2016 die Frankfurter Poetikdozentur inne. Diese ursprünglich von Suhrkamp initiierte Vorlesungsreihe kürt jedes Jahr einen Autor(in), der dann an der Frankfurter Uni Vorlesungen vor öffentlichem Publikum hält. Dieses Prinzip der Poetikdozenturen oder auch die Funktion eines „Stadtschreibers“ war mir in Gänze unbekannt. Die Art und Weise Autoren zu unterstützen, sowohl ideell als auch monetär, finde ich hingegen überaus gut. Denn neben diesen für den Autoren guten Merkmalen, ist es auch für die Zuhörer eine Bereicherung, denn der Autor widmet sich dem Kern seines Schaffens, dem Warum. Warum schreibe ich, wie schreibe, wie schaffe ich die Idee, den Text.

Zuletzt las ich die verschriftlichten Vorlesungen („Bamberger Vorlesungen“) von keinem geringeren als Thomas Glavinic, die unter dem Titel „Meine Schreibmaschine und ich“ bei Hanser erschienen. Brutal offen berichtet Glavinic über sein Scheitern, sein Hingabe, und wiederum sein Scheitern. Dazu aber mehr an anderer Stelle.

Katja Lange-Müller war sich mit den Vorlesungen nicht ganz so sicher. Sie könne nicht frei reden, müsse daher ablesen und was solle das ganze überhaupt. Sie hat sich aber durchgerungen und ein schönes Stück vorgelegt an der die Erkenntnis bleibt, ähnlich wie bei Thomas Bernhard, dem man nachsagt, ohne seine traurige Biographie wäre sein Werk undenkbar. Lange-Müller berichtet eindringlich von einer Kindheit, die unter dem Dogma erzieherischer Gängelung stand. Sie wurde als Linkshänderin gezwungen, Rechtshänderin zu werden, ihr Schulweg war insgesamt steinig.

Mit dem Lyriker Durs Grünbein saß sie einmal mit Zahnputzgläsern mit Whiskey voll auf Schloss Elmau. Vorher hatte sie im Kreis ihrer Schriftstellerkollegen gefragt, was denn nun wichtiger sei: Lesen oder Schreiben. Und für was sie sich entscheiden würden. Denn sie träumte angsterfüllt, sich für eines von beidem entscheiden zu müssen. Die versammelten Literaten entschieden sich für das Schreiben. Bei den erwähnten Zahnputzgläsern Whiskey widersprach ihr Grünbein vehement. Es sei eine perfide Schnapsidee von ihr, aber nichts wecke das Bedürfnis zu schreiben so sehr, wie das Lesen.

Insgesamt schafft Lange-Müller auf knapp 200 Seiten eine Brühwürfel-Biografie vom Feinsten. Eine Autorin, die nicht gerne schreibt, für die Schreiben Arbeit ist. Und diese Arbeit ist gut. Und warum ihr die nötige Grandezza fehle, mit ihrem Stoffhasen Pestalozzi zu einer Currywurstbude zu gehen, lesen Sie ganz am Ende des Buches in einer herzzerreissenden Anekdote.

Erwähnt sei, dass das Buch auch mit der Optik überzeugt und ein Blickfang ist.

Katja Lange-Müller: Das Problem als Katalysator ist erschienen bei KiWi

Ich danke dem Verlag, ich erhalte kein Honorar.