Peter Härtling über sein Ende

Ich warne Sie vor diesem Buch! Sie sollten starke Nerven haben, es zu lesen. Denn Peter Härtling lässt sein alter ego Wenger in das Siechtum gleiten.

Als ich die Autorin Eva Demski am 01. September 2017 treffe, ist Peter Härtling knapp anderthalb Monate tot. Er war Besucher auf ihrem Siebzigsten, und als ich sie auf dieses Video anspreche, raunt sie, dass einige Geburtstagsbesucher schon nicht mehr leben. Der Geburtstag war 2014.
Der vorliegende Roman „Der Gedankenspieler“ sollte eigentlich „Schwefelgelbes Endspiel“ heißen, denn Härtling war die letzte Zeit seines Lebens auf Dialyse angewiesen. Der verworfene Titel hätte in seiner Drastik noch besser gepasst.
Wie fühlt sich beginnendes Siechtum an? Schmerzt es, den Verlust motorischer und kognitiver Ressourcen live mitzubekommen? Dem Verfall als zwangsweiser Gast beiwohnen zu müssen? Viel Siechtum ist Teil der rettungsdienstlichen Arbeit. Und viel Asozialität. Oder beides. Wobei nicht klar ist, was was bedingt. Was ohne was möglich war.
Ein Mann in einem Altenheim, völlig am Ende. Was er hatte, weswegen wir nun da waren, unklar. Seine Diagnoseliste ist länger als mancher Chatverlauf von Ehepaaren. Der Mann ist wach, aber nicht kontaktierbar, die Demenz hat ihn gefressen. Ganz? Es ist an seinem Zimmer für den aufmerksamen Besucher erkennbar, dass er mal Architekt war. Genauso wie Härtlings alter ego. Klappen alte Codewörter? Man könnte ihm ja mal „BDA“ zuraunen und schauen, ob dieses lebensbegleitende Kürzel ihn kurzzeitig erwecken lässt. Es funktioniert, für gefühlte Sekunden öffnet sich in den Augen ein Weg zu einer Erinnerung aus selbstbestimmter Zeit, die sich sogleich schließt wie ein Sarkophag.
Härtling hat es geschafft seinen Weggang aus dieser Welt prosaisch abzubilden. Mit seinem zum Freund gewordenen Arzt Mailänder und dessen Familie nimmt er den Weg auf ins Ende und das verlangt dem Leser Kraft ab, denn die Gewissheit besteht, diesem Weg zumindest hochwahrscheinlich auch eines Tages ausgeliefert zu sein. Gedanken, die in einer sich überalternden Gesellschaft aufgeklärte Geister sich machen sollten. Um so auch Menschen zu verstehen. Eltern, Großeltern, wenn sich die Zeit der Führung dreht.
In dem Text eingebettet, finden sich wunderbare fiktive Briefe, die Wenger nur zum Teil in der Fiktion verschickt. Es ist eine feine Beobachtung immobil werdender Menschen, deren Gedanken, frei nach Spitzweg, weiterhin frei und wendig sind.
Peter Härtling starb während der Überarbeitung des fertigen Manuskriptes, sein langjähriger Lektor beschreibt am Ende des Buches den finalen Entstehungsprozess.
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Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.