Armbanduhr? Warum, lesen Sie hier.

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Alles hat seine Bibel, und wenn sie Bäckerblume heißt. In der Verlagsbranche nennt man Themenbereiche, die nur einen Teil der Leserschaft interessiert, dafür aber meistens brennend, „special interest“. Das geht von Flugzeugen, Golf, Jagd bis hin zu Uhren.

Uhren, fragen Sie sich? Braucht man doch nicht mehr, man hat doch das Smartphone. Inklusive Taschenlampe, Timer und Fahrkarte. Da mögen Sie durchaus recht haben, insbesondere wenn Sie nur die Funktion der Zeitanzeige meinen. Doch es hat seine Genese, dass Uhren, ursprünglich und bis heute und insbesondere bestimmte Marken, beim Juwelier gehandelt werden. Denn eigentlich ist die Uhr viel mehr als die Zeitanzeige; sie ist ein Schmuckstück, welches eine Aussage über ihren Besitzer trifft. Im besten Falle eine zuträgliche.

Wie bei allen Sachen, gibt es von 1-Euro-Uhren bis zu sechsstelligen Raumschiffen alles käuflich zu erwerben. Warum, fragen Sie? Nun ja, zum einen wie erwähnt, ist eine Uhr ein Schmuckstück, zum anderen gibt es die Menschen, die die Technik daran fasziniert.

An einer Quarzuhr, fragen Sie wieder? Ja, da fängt das Problem an. Wenn ein Produkt einen Erklärungsbedarf hat, merkt man das meistens als erstes bei Amazon. Denn wenn diese Firma sich aufrafft, etwas dezidierter darzustellen, liegt das nicht an der Verve eines neues Abteilungsleiters, sondern an der Evaluation der bisherigen Fails im Verkaufsprozess.

Als ich vor ein paar Jahren nur zur Freude nach Uhren schaute, wurde dort ganz eindrücklich erklärt, was der Unterschied zwischen einer Quarzuhr und einer mechanischen/automatischen Uhr ist.

Ohne technische Ausschweife: Die Quarzuhr ist die mit der Batterie, die anderen sind die, mit diesen Gewichten und Zahnrädern drin. Das Problem ist, wenn man nicht weiß, dass man die letztgenannten Modell aufziehen bzw. tragen muss, damit sie funktionieren, können Sie sich vorstellen, was bei Amazon für Beschwerden reinkamen, wenn die Uhr nach einem Tag auf dem Nachttisch nicht mehr ging. Deshalb mein immer währender Rat: nicht alle Amazon-Rezensionen für voll nehmen, denn manchmal wissen die Leute nicht, was sie da gekauft haben.

Es kann ein Buch mit sieben Siegeln sein. Gangreserve, ETA-Werk, das Tourbillon – alles Worte die die meisten noch verbliebenen Uhrenträger verwirren. Eingeweihte (die, mit dem special interest) sind dagegen fast flammend dabei. Ob man das braucht, fragen Sie? Braucht man einen riesengroßen Plasmafernseher? Nö. Sehen Sie?

Ich habe mich 2010 selbstständig gemacht und meinen Angestelltenjob hingeschmissen. Und habe mir nach vielen, vielen Quarzuhren auf Anraten eines weisen, Uhren sammelnden Bekannten, eine Automatikuhr von Junkers gekauft. Sie verbindet ein quadratische Gehäuse mit einer runden Glasabdeckung und dem klassischen Junkers JU-Riffelboden. Die Uhr ist keine Geldanlage, kein Statussymbol und auch nicht unermesslich teuer. Aber sie ist mit Liebe gebaut.

Die Uhr hat keine Batterie, dass heisst, man muss sie aufziehen. Hinterrücks hat die Uhr eine Glaswand, durch die man sie schlichtweg arbeiten sieht. Sofort erkennen Sie diese Uhren an dem Sekundenzeiger, der nicht tack-tack voranschreitet, sondern wie auf Seife gleitet – es ist herrlich!

Die Uhr ist deutlich schwerer, aber sie lebt. Man spürt diese Uhr. Ich liebe diese Uhr bis heute, weil sie toll verarbeitet ist, aber auch, weil sie einen Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt kennzeichnet. Dennoch trage ich auch gerne einen Chronographen von Swatch, der „nur“ Quarz ist (und ob seines Gehäuses auch schwer – Sie sehen, diese Regeln…).

Sehen Sie hier meinen Uhrentyp bei der Vorstellung in einem Forum. Übrigens, die dort gezeigte Uhr hat die Seriennummer (fortlaufend von 0001) 0403 (also die Uhr Nummer 403), meine dagegen ist die 003X, also eine Uhr, die eine der ersten dreißig dieser Baureihe war. Ich habe mich bewusst gegen den in gleicher Bauart verfügbaren Chronographen entschieden, da ich einen großen Sekundenzeiger aufgrund des smoothen Fortlaufs (s.o.) haben wollte.

Ein Teilnehmer in einem meiner Trainings trug mal eine IWC, was wirklich selten ist, da diese Uhren gerne fünfstellig kosten. Merkt man aber nicht, wenn man sich nicht auskennt. Was teure Uhren leichter gangbar in der Öffentlichkeit macht, als ein gelber Porsche. Wie gute Schuhe von John Lobb oder Crockett & Jones sind sie nur für Eingeweihte erkennbar, aber der Genuss ist dauerhaft für den Besitzer.

Der besagte Teilnehmer erschrak ein wenig, als ich ihn unauffällig ansprach und erklärte mir dann aber, er habe sich diese Uhr nach der komplikationsreichen, aber dann doch sicheren Geburt seiner Tochter gegönnt.

Sie sehen auch hier wieder, die Uhr ist mehr als ein reiner Zeitanzeiger. Spannend ist, dass, als er erkannte, dass ich mich ein wenig auskenne, diesen verschwörerischen Blick bekam, den alle Menschen mit einem special interest bekommen, wenn sie ihresgleichen treffen. Mit Uhren ist das heute aber eher selten.

Das vorliegende Werk von Ryan Schmidt ist ein Sinnbild für eine schwere Uhr. Auf der Frankfurter Buchmesse ist mir das Werk fast auf den Fuß gefallen – das hätte sehr wehgetan. Aber dieses visuelle Buch mit erklärendem Textanteil lässt einen erklärend in die Welt der Zeitanzeiger eintauchen und macht einem bewusst, welche Wissenschaft es eigentlich ist, an einem Arm eine sicher korrekte Uhrzeit anzuzeigen ohne sich Batterien zu bedienen.

Es lässt einen in die Welt des Uhren-special-interest eintauchen und kann als Traumbuch gelten: die meisten Uhren darin wird man sich nicht leisten können, doch darum geht es nicht! Es gilt, sich der Technik, der Kunst des Uhrenmachens bewusst werden zu können.

Und wer weiß, welchen Lebensabschnitt Ihre erste automatische/mechanische Uhr kennzeichnen wird?

Ryan Schmidt: ARMBANDUHREN ist erschienen bei DVA/RandomHouse

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