Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht -Tipp-

Es regnet in einem Fort in Frankfurt, während ich das Buch lese. Begonnen hatte ich es bei vollem Sonnenschein im Oosten – doch dann stürzte der Regen auf mich herab. Es ist mein erstes RezEm von Diogenes. Dieser schweizerische Verlag, der sich seit 1985 durch sein einheitliches Coverdesign auszeichnet, begleitet mich wissentlich seit Bernhard Schlinks Der Vorleser – was vielleicht nicht die beste Erinnerung ist.

Dennoch ist dieses Cover für mich ein Inbegriff von gestalterischer Qualität und Güte. Schade, denke ich auf der Frankfurter Buchmesse, dass dies sich alles irgendwann nur noch auf einem Display abspielen soll. Obgleich ich viele Krimis aus dem diogeneschen Programm nicht wirklich ergreifend finde, kann Design mich durchaus zum Sammeln verleiten. Erst gestern griff ich aus dem Bockenheimer Bücherschrank in Frankfurt zwei Exemplare: Der Phantast und der Bestseller (beide irgendwie nicht mehr auffindbar auf der Diogenes-Website). Beides Romane, die im Literaturbetrieb spielen – Jackpot.

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Nun aber zu Harufs Unsere Seelen bei Nacht. Die Spiegel-Bestsellerliste sagt erstmal nichts aus, da hier alles über 10.000 Exemplaren ein Bestseller ist. Haruf hat es indes verdient und erlebt es nicht mehr mit. Der Autor starb leider 2014 an einem Lungenleiden.

Wenn ich an Harufs Szenerie denke, kommt mir sogleich eine surrende Klimaanlage in einem cremefarbenen amerikanischen Holzhaus in den Sinn, in dem ich bei meinem Schüleraustausch 1999 lebte. Mit Schiebefenstern, Wänden aus Brettern, Holzstufen vor dem Eingang und Nachbarn Garten an Garten. Meine Stadt hieß Olympia und ist bei weitem nicht so warm, wie das fiktive Holt in Colorado, aber ich spüre sofort etwas, wenn Haruf in ruhigem Takt von seinem städtischen alter ego schreibt. Das cremefarbene Seitenpapier von Diogenes tut sein übriges, die tief stehende Sonne in Holt mit sandigem Lüftchen zu spüren.

Was wäre wenn? Die Frage stellt sich für reflektierte Charaktere sicher immer mal wieder im Leben. Was, wenn man irgendwo anders abgebogen, jemand anderes kennengelernt hätte? Es gibt keine falschen Entscheidungen im Berufsleben, sagte mir die geschäftsführende Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries in einem Interview vor ein paar Tagen. Gilt das auch für das Leben im Abstrakten? Wohl kaum. Haruf schafft eine Ausgangslage, die aber genau das Abfahren der Lebenslinien als Vertiefungen mit möglichen anderen Abgängen möglich werden lässt.

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Addie Moore und Louis Waters sind beide alt, alleinstehend und Nachbarn. Und sie kennen sich seit Jahrzehnten. Haruf lässt sie aufeinander zulaufen, vereinen und nutzt diese ungewöhnliche Situation, beiden Protagonisten ihre Lebenslinien durch zu deklinieren. Es ist ein Plädoyer für das Alter, für die Grenzenlosigkeit von Zuneigung, es ist nie zu spät, Momente des wirklichen Erlebens wahrzunehmen, aber auch über die Abgründe menschlichen Zusammenlebens und verquaster Abkehr und Manipulation.

Roger Willemsen war überzeugt, der Mensch habe eine Tag- und eine Nachtseite. Viele Menschen empfinden ihr Alleinsein in der Nacht als schreiende und dennoch stumme Einsamkeit, als Folter durch schwebende Pause, durch Begrenzung auf sich selbst, durch das Zurückwerfen auf die ureigensten Empfindungen, nicht verschwommen durch äußere Reize. Wie ein schreiendes Kind in der Nacht, nur mit anderer Ausdrucksweise.

Die Einsamkeit der Nacht ist aller Ursprung für diesen Roman, den ich lieber eine gelungene Erzählung nennen möchte; er verleitet Addie dazu, Louis zu fragen, die Nächte nicht einzeln, sondern gemeinsam nicht-einsam zu verbringen.

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Haruf schreibt fließend, gleitend, mit schwingendem Tempo und dennoch Handlung, viel emotionaler Nähe und Hingabe für die kleinen Dinge des Alltags.

Ich habe es genossen. Wenn es ein Würmchen im Kopf macht, das Buch, dann hat es seinen Zweck erreicht, sagte mir die Schriftstellerin Eva Demski in einem Interview. Das hat Kent Haruf geschafft bei mir. Danke, Kent.

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht ist erschienen bei Diogenes

Ich danke dem Verlag; erhalte kein Honorar.