Jens Lubbadeh: Neanderthal

Mein Journalistenkollege Jens Lubbadeh hat ein Gespür für Stoffe und einen derben Lauf. Nach seinem Debüt „Unsterblich“ mit legt er nun den nächsten 500-Seiten-Krimi-Thriller-Klopper vor. Glückwunsch!!!

Dystopien naturwissenschaftlicher Anlehnung in Krimiplots einzubauen ist Jens´ Können. In seinem ersten Roman stellt er die Frage nach dem ewigen Leben und in diesem neuen Werk dreht er die Schraube der Betrachtung noch weiter. Nur unter der Maßgabe einer fiktionalen Dystopie ist dieser Plot daher annehmbar, denn es geht schlussendlich um Euthanasie, bzw. der Verhinderung der Notwendigkeit dieser.

Es wird eine Leiche gefunden, aber sie ist behindert – wie konnte das passieren?, ist die Grundfrage des Werkes, die mich ungeachtet der Fiktion des Stoffes tief erschreckt. Denn in Zeiten des offenen Wiederaufflammen rechten Lebensgefühls steht wieder und immer noch für diese Menschen die Frage im Raum, welches Leben/Lebensform/Lebensart lebenswert lohnend ist.

Gestern kaufte ich zwei Exemplare der Autobiographie des verstorbenen New Yorker Neurologen Oliver Sacks, der sich zeitlebens komplexen, seltenen neurologischen Phänomenen widmete. Menschen, die oft der hiesigen Welt entrückt waren und woanders weilten. Und auch hier stellt der unbedarfte Mensch, gerne die Frage, ob sich so ein Leben lohne. DAS IST FALSCH! Leben lohnt sich immer und ist so unglaublich vielschichtig, dass die Beurteilung dessen, was dem Einzelnen als lebenswert gilt, nur falsch sein kann.

In Schulungen der Reanimation erlebe ich immer wieder Teilnehmer, die meinen urteilen zu können, ob sich eine Wiederbelebung lohnt, oder eben nicht. Das ist grundfalsch, wir dürfen nicht Gott spielen und uns anmaßen über Leben und Tod zu urteilen. Wenn das alles so einfach wäre, bräuchten wir keine Ethikkommissionen, etc.

Denken Sie bitte an den inzwischen verstorbenen Elle-Chefredakteur Jean-Dominique Bauby, der trotz Locked-in-Syndrom nur durch Zucken mit dem Augenlied (das einzige, was er noch bewegen konnte) ein ganzes Buch formulierte und schrieb (einmal zucken war der Buchstabe „A“ usw., stellen Sie sich das vor!).

Was ich beim Lesen des Buches wieder für mich feststellte: Fiktionale Krimi-Thriller-Plots sind nichts für mich, ich bin zu sehr der Realität verhaftet. Die Frage kritisch zu beleuchten, wenn auch belletristisch, was wir uns anmaßen (oder hier: könnten) über lebenswertes Leben zu urteilen, kann nicht schaden, denn es gibt immer wieder böse Menschen, die meinen, dieses zu dürfen.

Jens Lubbadeh: Neanderthal erschienen bei Heyne

Ich danke dem Verlag; erhalte kein Honorar.