Nachtschwärmer – Kunst von Diogenes

Es ist etwas Magisches. Die Nacht. Der späte Abend. Der frühe unwirklich Morgen. Mein Streben war es, in einen Beruf zu kommen, der die Nacht nicht als Verbot des Ausübens deklariert, nicht endet, wenn es dunkel wird.

Im Rettungsdienst konnte ich die Nacht in allen Facetten erleben. Überleben. Wenn man froh war, das endlich das Licht wieder die Dunkelheit verdrängt. Roger Willemsen sagte, jeder Mensch habe eine Nachtseite. Eine der Welt abgewandte Kontur, mit dunklen Einschlägen. Ich liebe die Nacht bis heute, sitze gerne im Dunklen, mit schummrigen Licht. Ich mag es, wenn die Sonne wieder aufgeht, aber nicht im Sinne der allgemeinen billigen Sonnenanbetung, sondern diese Stunden der absoluten Stille, des Nicht-Seins und dem Wiedererwachen der Welt.

Als ich über die Leipziger Straße in F-Bockenheim stromere passiere ich den Bücherschrank im Hellen – und finde nichts, aber sehe gut. Später passiere ich ihn wieder – es ist bereits dunkel geworden –  und greife reflexhaft und finde wieder – nichts. Doch dann sehe ich es! Es ist ein kleiner Band, unscheinbar und doch wiedererkennbar. Der war doch vorhin nicht da! Ein Werk von Diogenes, der seit 1985 mit der einheitlichen Umschlaggestaltung auf sich aufmerksam macht (Schriftart Didot). Es ist ganz neu, nicht mal aufgeklappt. Es ist klein. Auf dem Titel ein wunderschönes Bild eines Mondes vor schwarzen Bäumen („Trees in a field“ (Ausschnitt) 1931 von Hasui Kawase) eingebettet in den dünnen schwarzen abgerundeten Rahmen. Und worum geht es? Nachtschwärmer – Geschichten und Gedichte über die besten Stunde des Tages.

  • ok – das Buch ist für mich.

Es können die besten und spannendsten Stunden sein, denn es ist nicht nur dunkel. Es obliegt immer einer ganz eigenen Stimmung, die sich noch verfeinert durch Wochentage und Jahreszeit. Es ist ein Timbre der Einsamkeit, der Möglichkeit zum Alleinsein, zum unentdeckt bleiben.

2017 bei Diogenes verlegt wurde dieses Konvolut aus Geschichten und Texten von Martha Schoknecht treffend zusammengestellt und mit Bildern verschiedener Künstler, die künstlerisch die Nacht aufgreifen, abgerundet.

Für Nachtschwärmer mit literarischem Einschlag ein Standardwerk. Für alle, die nicht akzeptieren, dass die Nacht die Auszeit sein muss.

Zu Diogenes ist mir seit der letzten Buchmesse aufgefallen, dass die Bücher einer wirklich herausragenden und durchgängigen Herstellungs- und Gestaltungsqualität entsprechen. Auch wenn ich Donna Leon nicht lese, die Einbandgestaltung ist atemberaubend, die Druckqualität gestochen scharf. Aus der Schule ist mir der Verlag wohlweislich durch Schlinks Vorleser bekannt. Oder Georges Simenons Oeuvre (Rechte aber aktuell wohl verloren). Diogenes ist ein Schweizer Verlag, 1952 von Daniel Keel gegründet und inzwischen durch den Sohn Daniel weitergeführt. 200 Millionen Gesamtauflage, ca. 6000 erschienen Titel, ca. 1700 sind (noch) lieferbar, ca. 70 Angestellte, 330 Autoren.

Martha Schoknecht (Hrsg.): Nachtschwärmer – Geschichten und Gedichte über die besten Stunden des Tages

Website Diogenes
Interview von Philipp Keel in der FAZ über die aktuelle Verlagswelt

Edit: Aktuell finde ich den Titel auf diogenes.ch leider nicht – fast eine Geschichte über das Buch ist das wert! Im Dunkeln sitzen und nicht das eindeutig von Diogenes stammende Buch auf deren Website nicht finden. Thomas Glavinic fände es klasse.

Edit2: Diogenes meldet: Buch ist an Buchhändler ausgegeben worden, als Beigabe für Kunden. Es ist daher nicht käuflich erwerbbar.