Glavinic-Fieber

Nur durch Zufall habe ich das Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin entdeckt. Es war mir als Perle der Kulturkonservierung nicht präsent. Das rührt vornehmlich daher, dass ich den stationären Buchhandel oft nervig, rückständig und als überholt empfinde. Zu sehr Klischee von Rollkragenpullover tragenden Feinfühlern mit Lotsenanspruch. Das klingt hart und borniert und sicher bin ich diesen Menschen im Sein näher als es erahnen lässt.

Dennoch sind Buchhandlungen so kleiner sie sind, mir umso unangenehmer. Ich fühle mich nicht frei, gar bedrängt, die Blicke immer auf mich wissend – oder eben nicht. Beide Extreme sind mir nicht wohl. Aber auch die langen Schlangen in den ständig übertemperierten Großbuchhandlungen gehen mir auf den Keks. Da zumindest hat Dussmann bei mir einen Stein im Brett: sie haben eine Garderobe und waren angenehm klimatisiert. und hatten intrinsisch nettes Personal.

Gerhard Steidl rechnete in einem Interview einmal vor, wieviel Kapitaldecke eine Buchhandlung brauche, um ein Auswahl starkes Programm zu führen. Für viele Buchhandlungen in der Mittelschicht einfach zu viel. Das berührt mich aber nicht wirklich, denn Märkte ändern sich, daran ist nicht zu rütteln. Es gilt sich darauf einzustellen mit nicht zu großer Starrheit der eigenen Gewohnheiten. Bei Dussmann lohnte es sich aber zu sträunern, da das Angebot entsprechend ausufernd ist.

Als ich also durch Dussmann stolperte, fiel mir ein Taschenbuch aus dem Hause S. Fischer in die Hände. Es war von Thomas Glavinic mit dem Titel „Das bin doch ich“. Frisch verlegt als Taschenbuch, vor zehn Jahren bei Hanser als Hardcover erschienen. Ein eher glückloser Romanautor strauchelt durch Wien, mit Frau und Kind zuhause, immer im Schatten seines viel erfolgreicheren Freundes, ebenfalls Schriftsteller, der von Berlin nach New York geht und die Verkaufszahlen per SMS rüberschiebt. Zahlen, von denen der Protagonist nur träumen kann. Er hofft auf die Longlist und schielt auf die Shortlist des Buchpreises. Alkohol und Abstürze begleiten sein Leben, das Geld ist knapp, der Frust groß. Das ganze wäre spannend an sich, es gibt einen Einblick in die ungerechte Verlagswelt, in das Unrecht des Erfolgs.

Doch Glavinic macht sich erst gar keine Mühe ein Alter Ego zu erfinden, er benennt alle beim echten Namen – und nennt es dann Roman. Wir wissen aber von Jan Fleischhauer oder Michel Friedman, das dort wo Roman draufsteht, viel Realleben drin ist. Und so ist die Freundschaft zu diesem erfolgreichen Autor auch Realität: Es ist der allseits frenetisch gehypte Daniel Kehlmann. Seit seinem Roman „Vermessung der Welt“ vor 12 Jahren ist er in aller Munde, kann machen was er will (und kann das inzwischen auch finanziell) und hat seinen neuen Roman „Tyll“ vorgestellt. Die Verlagswelt bot ihm das Wasser, über das er geht. Die Menschen lieben diesen Autoren, sein Werk wird in erstarrter Verzückung rezipiert. Mich hauen diese Romane nicht vom Hocker, auch wenn Kehlmann „Tyll“ gut im Frankfurter Schauspiel rezitierte. Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger fuckte in einem Videogespräch mit Andreas Maier einmal ab, indem er sich über die „Kehlmannsche Besserwisserei“ ereiferte. Da war keine Sympathie. Nun muss man wissen, dass Kehlmann vor dem beschriebenen Hype von Suhrkamp zu Rowohlt wechselte. Dem Traditionsverlag aus Berlin (naja, früher Frankfurt) sind da ziemlich viele Millionen entgangen. Ob das und die Fellingersche Aussage kausal sind, wäre Spekulation.

Glavinic schreibt über das Leben – seziert – brutal ehrlich, um diese Phrase zu bemühen. Es stimmt aber! Und genau das ist das Problem. Die Leser/innen wollen gar keine Realität, sie wollen entflüchten in irgendwelche Mittelalter-Kack-Welten, die zwar brutal und zu ihrer Zeit tödlich waren, aber im Vitra-Eames-Sessel sich so butterzart mit verschmitzten Lächeln und Kopfschütteln lesen lassen. Hach, wie vertrickt das doch damals war!

Mein guter Freund SFA schenkte mir aktuell einen weiteren Glavinic-Roman in der Erstausgabe von Hanser (2009): „Das Leben der Wünsche“. Hier bleibt Glavinic im Romanschema und zeichnet doch die Realität so hart an ihrer eigenen Realität, dass klar ist, warum dieser zwar gut verkauft, aber kein frenetisch im Schauspielhaus gelesener Roman ist: es tut zu sehr weh.

Felicitas von Lovenberg (die nicht zur Nachfolgerin von Frank Schirrmacher als Mitherausgeberin der FAZ wurde…) überschrieb ihre Kritik in der FAZ mit „Aus diesem Panicroom gibt es kein Entkommen“. Die Kleinfamilie ist Glavinics Bühne des menschlichen Handelns: junger Familienvater und Ehemann beginnt Affäre mit Flugbegleiterin und grämt sich dieses Handelns, ahnt nicht, dass Ehefrau auch eine Affäre am Laufen hat. Wie eine Kreissäge lässt Glavinic nun eine fiktionale Metaebene herannahen, denn Protagonist Jonas bekommt von einem Unbekannten Wünsche frei. Daraufhin lässt der Autor dramatische Wendungen an seinem verschriftlichten Hauptdarsteller passieren, die irreal sind, doch die Eingreiftiefe realer Vorgänge (Trennung von der Frau, etc.) in die Seele eines Menschen materialisieren. Es ist ein zutiefst realitätsabbildendes Buch, die die Monogamie zurecht infrage stellt und mit den Grundpfeilern unserer Moral und Lebenswirklichkeit kritisch schwanger geht.

Und deshalb hat Kehlmann so einen Erfolg: er setzt den ganzen Mist mehrere Hundert Jahre zurück und alle sind verzückt. Sein Freund Glavinic ist einfach zu ehrlich und das ist gut so. Wichtig ist, dass Glavinic mich also nicht nur in der realitätsnahen Fiktion eines Romans begeisterte, sondern auch in einem Roman-Roman.

Und die Lücke schloss sich, als ich nach dem Anlesen bei Dussmann endlich begriff, woher ich diesen realo-Plott von mega-erfolgreichem Schriftsteller zu eher glücklosem Wiener Autoren kannte: Es gab in der SZ im August ein sehr gutes Portrait eines granteligen Autors in Lederjacke mit früher zu starkem Weinkonsum, der Sätze sagt wie „Wer will schon in Graz berühmt sein, alle kommen nach Wien“ (aus dem Kopf zitiert) und dessen Lederjacke bei Sommerwetter, den SZ-Autoren zur wahrscheinlich korrekten Analyse verleiten, diese sei die Schutzweste für sensible Männer.

Ein Manko gibt es nur: Die Druckqualität des S. Fischer-Taschenbuchs von „Das bin doch ich“ ist miserabel, weshalb ich das Buch bei S. Fischer als eBook anfragte. Schade.

Autoren-Website (by S. Fischer)

Das bin doch ich von Thomas Galvinic ist erschienen bei S. Fischer als Taschenbuch
Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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Das Leben der Wünsche von Thomas Glavinic ist erschienen bei Hanser und als Taschenbuch bei dtv

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