Das Leben wortwörtlich

Zuallererst: Jakob Augstein ist mein Verleger beim Freitag. Das macht eine Besprechung ohnehin schwierig. Nicht dass ich mich als freier Autor fürchten würde, gewiss nicht, und so tickt Augstein auch nicht. Dennoch ist es die Tendenz eben auch deswegen sehr subjektiv zu sein.

In diesem Falle ist das sogar positiv, denn auch Jakob Augstein ist es in diesem Werke beileibe nicht. Denn er fragt nicht als Journalist, was mir schon einige Menschen glaubhaft versichern wollten, sondern er ist der SOHN. Ja, von Martin Walser. Heisst aber wie Rudolf Augstein, der Spiegel-Gründer. Ja, haben Sie recht. Ist er auch. Und doch ist der leibliche Vater Jakob Augsteins der Schriftsteller Martin Walser.

Er selbst erfuhr dieses auch erst um 2005 rum, also knapp drei Jahre nach Rudolf Augsteins Tod. Sie sehen, da liegt viel Problematik drin, wenn ein Mensch mit knapp Vierzig (Augstein jun. ist 1967 geboren) erfährt, dass der Vater nicht der Vater und doch der Vater ist. Formal und auch informell, denn eine Beziehung hatten die beiden. Jakob Augstein ist Dauertestamentsvollstrecker der Augstein-Kinder, die 24% am Spiegel halten und eine wohl nicht geringe Summe geerbt haben. Das versuchen niederträchtige Leute ihm übrigens immer negativ auszulegen, was wirklich nervt und einfach nur dumm ist.

In der Rolle als Dauertestamentsvollstrecker und Erbe ist Augstein nicht nur formal an den „vermeintlichen“ Vater gebunden, sondern auch durch in die Zukunft reichende dauerhafte Verpflichtung an Rudolf Augstein fixiert. Er selbst lässt sich nicht aus, wie er davon genau erfahren hat, wie er bei einem Interview mit Stephan Lamby 2010 (dbate) strikt abblockt (um Minute 19:00 und: richtig so!).

Nun also dieser monumentale Gesprächsband von 340 Seiten. Das ist ein richtiger Klopper, da steckt immense Arbeit drin. Allein die Verschriftlichung der Tonbänder muss eine Ewigkeit gedauert haben und dann das Redigieren durch zwei der Sprache und des Inhalts zugewandten Personen erst. Alleine dafür lohnt sich ein Blick herein. Und, da ist sogar was sinniges bei herum gekommen. Leicht hätte sich so etwas natürlich auch zur peinlichen Selbstentblößungsposse entwickeln können; Verlautbarungen, Mußmaßungen, Bezichtigungen. Aber nein, alles bleibt ruhig, Walser umschifft seine Liebschaften mittelbar und leise und auch generell geht es nicht ans Eigenmachte zum Fremdschämen. Chapeau!

Auf die beste Rezension im deutschen Feuilleton machte mich A. aufmerksam. Er verwies mich auf die Analyse der FAZ und, wer hätte es gedacht, es ist wirklich die beste. Denn sie seziert, dass dieser Band kein lockeres Gespräch ist, welches im Plauderton daherträllert. Es ist eine durch und durch konzeptionierte Sache. Das ist, so das Urteil der FAZ und auch meines, der Vorteil dieses Buches. Oft sind Fragen und auch Antworten mit langen Zitaten gespickt, also etwas, was keiner aus dem Stegreif hinbekommt.

Ich habe das Buch immer wieder sequenziell gelesen. Spannend fand ich vor allem natürlich die Themen rund um den Suhrkamp-Verlag, Uwe Johnson, Marcel Reich-Ranicki, etc. Walser hat ja mit seinem Roman „Tod eines Kritikers“ ungeahnte Wellen losgetreten, Siegfried Unseld durfte bereits schwer erkrankt nichts mehr davon mitbekommen und der Roman wurde dann ohne Werbung auf den Markt geworfen. Wilde Zeiten in Farbe.

Wenn sich ein Schriftsteller mit über 90 Lebensjahren und ein kritischer Geist zusammensetzen, da kann spannendes bei herauskommen und: ist es auch. Dabei würde ich nicht das Augenmerk auf die finale Information setzen, sondern auch Frageweise und Antwortstil sind spannend. Und: das letzte Kapitel lässt offen, wieviel davon ganz exakt so geantwortet wurde. Walser raunt seinen Sohn an, das doch wohl nicht alle Teile des Gesprächs so stattgefunden hätten. Was wieder viel Luft für Spekulationen lässt. Was ein Glück!

Martin Walser / Jakob Augstein: Das Leben wortwörtlich ist erschienen bei Rowohlt

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