Meyerhoffsches Grauen – Teil 4

Einhundertachtzigtausend Stück. In Ziffern 180.000. So viele Exemplare druckte Kiepenhauer & Witsch als Erstauflage zu Joachim Meyerhoffs vierten Roman „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“.

In Zeiten des allseits beschworenen Absatzmangels eine phänomenale Auflage – die ihre Abnehmer finden wird, gewiss. Meyerhoff würde im Fernsehen sicher als Allroundtalent tituliert werden, ich lasse das lieber. Einer der alles kann, kann meistens nichts richtig. Er ist aber geübt, dass keiner davon etwas mitbekommt.
Vom Autoren dieser Romanreihe bekommt man indes sehr viel mit. Diese Symbiose aus fiktionalen Anteilen mit biographischen Grundlagen macht einen besonderen Reiz aus, gibt aber auch Anlass zur Konfusität unter den Kritikern. Was ist wahr? Das kann doch nicht sein? Christine Westermann kam im Literarischen Quartett (ZDF) über die Inhaltsverläufe ganz ins Schlingern, man schaukelte sich auf, in der Dortmunder Vergangenheit des Autoren nach Zeugen zu suchen. Das könne sich doch so nicht zugetragen haben! Da hat er doch übertrieben! (In einem Roman überzeichnen! Überspitzen! Fiktionalisieren! – Himmel, will man rufen!)
Es wird kolportiert, das sei ein neuer Trend, weil das dann so schön kollektivierend ist, – ah, ein neuer Trend!, – und darin liegt gerne ein non-verbaler Abdiss drin. Ist aber nicht neu! Peter Härtling sagte im Interview mit Herlinde Koelbl (Mitte der 90er), wenn es nach Lesungen zu identifikatorischen Einforderungen durch das Publikum käme, blocke er ab. Recht so, dieses Quentchen Schwebe in des Lesers finaler Gewissheit macht doch den Reiz einer Geschichte aus. Sonst wären sämtliche Dialoge in Filmen auch auf ihre wahrhafte Umsetzbarkeit zu prüfen und dann…
Meyerhoff ist derweil nicht nur erfolgreicher populärer Autor, er ist auch gefeierter Schauspieler, dessen Karriere zumindest nicht erwartbar war. Inzwischen ist er zweimal zum Schauspieler des Jahres von „Theater heute“ gekührt worden (2007 und 2017; was auch immer das aussagt), und spielt beliebt an der Burg. Das macht es für Menschen wie Christine Westermann sicher noch schwieriger den Erfolg anzuerkennen: Bühne und Buch und beides nicht billig, sondern bildungsbürgerlich.
Und: Vorlesen kann er auch noch! Auf seinen dritten Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ bin ich durch seine CD aufmerksam geworden. Diese als Hörbuch veröffentliche Livelesung (ungekürzt!) vor Publikum war exzessiv und exzessiv bravourös. Und deshalb höre ich beim Lesen auch schon seine kehlige, brodelnde Stimme intonieren und freue mich auf das hoffentlich nachkommende Hörbuch. Vielleicht mehr als auf das Buch, was die absolute Ausnahme ist.
Ach, um was es geht, fragen Sie? Tz, Sie nun wieder mit den Inhalten! Jeder Roman stellt eine Lebensphase dar:
Alle Toten fliegen hoch“ – Amerikaaustausch und Unfalltod seines mittleren Bruders
Wann wird es endlich wieder so, wie es niemals war“ – Kindheit in Psychiatrie, in der sein Vater als Arzt arbeitete
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ – seine Zeit an der Otto-Falckenberg-Schule (Schauspiel) in München und der damit verbundene Aufenthalt bei seinen Großeltern
Meyerhoff kommt hier als Jungschauspieler in die als Bewährung dienende Schauspiel-Provinz und erlebt die ersten Beziehungen. Aber nicht nacheinander, sondern parallel. Und konfus. Und sehr individuelle Partnerinnen.
Bielefeld ist sehrwohl vorhanden, wenn man den Ausführungen glauben mag und Meyerhoff leidet immens an seinem dortigen Tun beziehungsweise Nichttun. Einzig seine verschrobene Freundin Hanna lässt ihn Hannamomente erleben und dennoch freut er sich, als er nach Dortmund ans Theater wechseln darf – das diene ja oft als Sprungbrett, so sein neuer Vermieter.
Die dauernde Suche nach Nähe und Geborgenheit charkterisieren den Sound seiner Erzählung. Der Protagonist seiner selbst ist ständig auf der Suche nach Annäherung, nach Verstandenwerden. Und in nicht enden wollender Qual der Analyse seines Umfeldes.

Noch nie konnte ich mich (…) der Vorstellung, wie die Menschen hinter den Vorhängen ihr Leben fristeten, entziehen.
All diese Sofas und Fernseher, all diese Kühlschränke voller Essen, diese Betten und Toiletten, (…).

All diese perforierten Leben.

Kaserniert in Hunderte rechteckige Behälter, geschmacklose Gehäuse um vor sich hin arbeitende Organe.
(S. 151/152)

Ich behaupte, Meyerhoffs gewitzten, oft atemlosen, dialogreichen Dialoge auch blind erkennen zu können. Westermann sagte im Quartett, er kokettiere zu sehr mit seiner nicht vorhandenen Intellektualität, und nannte Wortschwalben, die er drehe.
Zeichensalat mit Affirmationsdressing.
S. 114
Dazu schrieb Navid Kermani so schön in seinem Roman „Sozusagen Paris“, dass er die Zitate natürlich nicht a la longue parat habe, sondern es eben die Arbeit eines Schriftstellers sei.
Ist der flockig, stakkatohaft daherkommende Text harte Arbeit gewesen? Ja. Wie mit aller harten Arbeit, nimmt die nur keiner wahr. Denn es ist vor allem kompensatorisch verarbeitende Arbeit. So ist es bei vielen Autoren: Meyerhoff, Härtling, Willemsen and so on… Denn so sehr ihn alle jetzt bewundern, so sehr litt Meyerhoff an seinem Leben, so sehr war er aggressiv, was er auch immer wieder durchsticht, aber da will halt keiner zuhören.
Hinterher klingt immer alles schöner, ist anekdotenverdächtig. Doch bis dahin musste man es erleben. Das sehen Sie an den Geschichen von Roger Willemsen über sein zweimaliges Sitzenbleiben (sein Vater starb, ähnlich wie Meyerhoffs, früh), die er später öffentlich bewusst der vermeintlichen Romantik entlud, wenn das Publikum sie allzu verzückt verklärte. – Hörte aber wieder keiner zu. Das Narrativ der Verklärung gewinnt in Kollektiven immer!
Er hat etwas aus dem Leid gemacht, und wieviel Leid einer eingesteckt hat, sieht man immer an solch überwältigenden Erfolgsgeschichten. Es ist das emotionale Rettungsboot.
Selbstbild! Die Wahrheit war: außen palavernde Plaudertasche, innen brünftiger Gorilla.“
„Ist es manchen Menschen in die Wiege gelegt, sich selbst zu töten?
Joachim Meyerhoff kann sehr gut schreiben, er versteckt wichtige Aussagen über das Leben geschickt. Er hat den Ruhm überaus verdient. Denn er hat dafür ohne Bestellung bezahlt.
Ich denke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.