Let´s Do a Book! – DVD & Buch

Gerhard Steidl ist ein Eremit der Verlagswelt, er setzt Standards bei der Herstellung visueller Bücher. In Göttingen in der Düsteren Straße entstehen Bücher, die Steidl als demokratisches Objekt sieht und die weltweit eine Sammlergemeinschaft haben. Ob mit Lagerfeld oder Bryan Adams, er lässt Bücher zu Kultobjekten werden. Die Münchner Dokumentarfilmer Gereon Wetzel und Jörg Adolph begleiten Steidl zum zweiten Mal bei seiner Arbeit, und wagen dabei monothematisches Risikogebiet.

Eine Fortsetzung ist im Filmgewerbe ein Distinktionsmerkmal für eine kommerzielle Ausschlachtung funktionierender Charaktere und Plots. Vereinen tut diese Filme dabei, dass die Perspektive sich nicht ändert. Mit gebotener Ernsthaftigkeit an eine Verlängerung zu gehen, verbietet sich. Eigentlich.

Vor sieben Jahren trauten sich die Münchner Dokumentarfilmer Wetzel und Adolph den Papst des Verlags- und Druckgewerbes, Gerhard Steidl, zu portraitieren. Dabei war es wie immer im Leben von Gerhard Steidl: er gibt den Takt vor. Als die beiden Filmemacher sich noch gar nicht gewiss waren, ob sie das Projekt angingen, verkündete Steidls Pressechefin Glenewinkel den Mitarbeitern des Verlags, dass diese beiden einen Film über ihn drehen würde. Zack, gesagt, getan. So geht Steidl.

Aus der anfänglichen Verdutzung wurde How to Make a Book with Steidl – ein Portrait eines eigenwilligen Autodidakten, der aus Göttingen nie rauskam (I had no time to move!) und dennoch die ganze Welt der visuellen Bücher im Griff hat. Er ist der Maßstab, der Inbegriff für Gestaltung und Qualität. Aus der Düsteren Strasse in Göttingen kommen Druckwerke von Weltruf, zu demokratischen Preisen. Es gibt Sammler, die kaufen jährlich einen Satz der gesamten Produktion. Ausverkauft, natürlich.

Das Destillat einer Entstehung kann langweilig werden, obgleich das Ergebnis allseits begehrt ist. Im ersten Film wird die Kreation des Buches iDubai (iPhone Bilder aus arabischen Malls) des New Yorker Fotografen Joel Sternfeld in die wahrlich zig Besuche Steidls bei seinen bekannten Künstlern rund um den Globus eingebettet. Es macht die Erzählung rund wie eine gute Tablette. Der Göttinger, der nicht gerne reist (just to get things done), fliegt oft Langstrecke – morgens hin, abends zurück. Die Dreharbeiten dauerten ein Jahr an. In dieser Zeit verlegte Steidl phänomenale 283 Bücher. Mit einem Team von nur 45 Mitarbeitern.

Steidl ist unermüdlich, Ruhestand unvorstellbar. Soll ich zuhause sitzen, und Laubsägearbeiten machen? Das ist doch grotesk!, seine fast schon ungläubige Antwort. Grotesk hingegen ist nicht, dass die mutigen Filmer nun etwas für Puristen wagen; foie gras mit niedrigem Gewürzlevel. Zwei Jahre begleiteten sie Steidl bei der Entstehung des Buches Vanished Spain* des spanischen Regisseurs Carlos Saura über dessen bildliche Eindrücke aus dem Spanien der 50er Jahre – fernab der Franco-Propaganda. Einem Spanien, welches verschwunden ist. In Bildern festgehalten von einem Mann, dessen Lust an der Fotografie nie verschwand und gewannen Regietätigkeit. So schließt Saura das Vorwort mit: The movies won out, however, and I´ve never regretted it. But I never gave up photography.

Was haben ein strenger Gestalter, ein Brummkreisel und ein introvertierter Künstler gemein? Sie sind die Protagonisten dieses einstündigen Portraits für liebhabende Aushalter. Der Künstler Saura, Gerhard Steidl und der deutsch-spanische Verleger Hans Meinke, der durch sein Temperament nicht nur Steidl manchmal verrückt macht. Der Film hat einen lebensnahen Takt, er atmet Realität. Denn schnelle Schnitte simulieren, es ginge auch in Wirklichkeit recht schnell. Dem ist oft nicht so, und die Zeit nehmen sich die Filmer, dem Zuschauer zu zeigen, dass die Werkerschließung eines Künstlers, der sich selber für keinen hält, eben nur in kleinen behutsamen Schritten und zeitweiser strikter Ansprache zu verwirklichen ist.

Steidl ist immer das Gegenteil der Künstler. Während diese noch verzagt und selbstkritisch über ihre eigene Existenz grübeln, hat er schon eine Vision und führt die Künstler auf den Pfad der druckbaren Erleuchtung.

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Bist du dir sicher, Gerd? – Der Farbton entsteht

Das Ergebnis ist ein bunter Schwarz-Weiß-Band eines Lebens, welches sich unsereins nicht mehr imaginieren kann, festgehalten von einem Mann, der noch leibhaftig und ziemlich lebendig daherkommt. Wer das Buch in der Hand hält, das Umschlagpapier, die innenliegenden Seiten blättert mit Genuss. Alles durchwabert einen leicht orange-okkerfarbenen Ton. Man sieht die Farbe und spürt Sand, Staub und Sonne auf seiner Haut und erlebt ein Spanien, welches sich die meisten nicht mehr erinnern können.

Ein Traum.

Jan C. Behmann

How to make a Book with Carlos Saura & Steidl – Gereon Wetzel / Jörg Adolph, 52 min, München 2017

Der Film:
How to make a Book with Carlos Saura & Steidl, 15 Euro
Trailer des neuen Films

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Das Buch selbst:
*Carlos Saura: Vanished Spain, 256 Seiten, ISBN 978-3-86930-911-8, 65,00€, Steidl Verlag Göttingen 2016, www.steidl.de

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Der Klassiker auf DVD:
How to Make a Book with Steidl (2010) – jetzt für nur 15 Euro
Trailer des Klassikers

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Alle Bestellungen bei steidl.de sind weltweit versandkostenfrei.

Ich danke Gereon Wetzel und Claudia Glenewinkel (Steidl, Pressechefin) für die freundliche Hilfe und Bereitstellungen. Ich erhalte kein Honorar. Nur Buch und Film wurden mir kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Cover: Screenshots steidl.de
Trailer: Screenshots Vimeo.com/DocCollection
Buchbilder: eigene Anfertigung
Beitragsbild und Cover: Pressekit steidl.de