Herz rausschneiden

Prof. Dr. med. Bruno Reichart machte zuerst keinen guten Eindruck auf mich. Ich lag in München im Hotelzimmer – mit Schnupfen versehen und war zwischen zwei Aufträgen „geparkt“ und leicht angenervt. Sonntag ließ ich den Flatscreen im Hotel laufen, um die mir sonst verschlossene Landschaft des linearen Fernsehens zu erkunden. Es ereilte mich auf dem BR der Sonntags-Stammtisch. Seit 10 Jahren wird in fiktiver Wirtshauskulisse, in der sonst die Heimat-Serie „Dahoam is dahoam“ gedreht wird, am Stammtisch getagt. Moderiert von „Fakten, Fakten, Fakten“-Legende Helmut Markwort (ja, der Focus-Gründer, den Roger Willemsen 1995 in Willemens Woche ordentlich mit Fakten zerlegte – auf Youtube zu bestaunen…), wird hier zum Allerlei des Lebens mehr oder weniger valide gesprochen. Und wie es der Zufall will, Reichart war dabei und nervte mich irgendwie.

Jetzt flattert mir das Buch der Journalisten-Brüder Lebert, welches Ende November beim S. Fischer Verlag erscheint, ins Haus. Es jährt sich der 50. Jahrestag der ersten Herztransplantation überhaupt; durchgeführt durch Christiaan Banard in Südafrika.

1981 führte Reichart die erste Herztransplantation erfolgreich in Deutschland durch. 23 Herzen transplantierte er bis 1984, darunter 1983 eine Herz-Lungen-Transplantation als erster Arzt in Deutschland. Eine der Menschen, denen Reichert „eines neues Herz schenkte“, wie es immer ein wenig kitschig heißt, war Ursula Lebert, die Mutter der beiden Autoren. Auf Geheiß und Wunsch Reicherts schwangen beide sich nun auf, ein Buch über die Herztransplantation im allgemeinen und die der Mutter, die 2009 starb, im speziellen zu schreiben.

Das Buch ist gut gelungen, es hält sich knapp, manchmal doch zu knapp und zu verknappend. Es verwebt die Geschichte der Herztransplantation mit den Erlebnissen der Söhne. Die Ausführungen zur Entwicklung dieser Operationsmethode, die vor einem halben Jahrhundert schier undenkbar galt, ist angenehm klar strukturiert und lesenswert, die Erlebnisse Reicharts Frau während ihres Aufenthalts mit dem Gatten in Südafrika zu Zeiten der Apartheit ebenso.

Was mich aber wirklich interessierte, waren die Erlebnisse der Angehörigen, in diesem Falle der Söhne. Doch diese fallen mir zu kurz, zu vernebelt auf, obgleich sie vielleicht nach 20 Jahren das eben auch sind: vergangen, verwaschen. Auch ist mir manchmal nicht klar, welcher der Söhne nun schreibt, ein kurzer Teil scheint auch von der Mutter zu sein. Was wirklich nervt ist: alle bekommen kein Gesicht. Keine Bilder. Von niemandem. Das ist schade.

Reichert wird mir indes übermenschlich dargestellt. Er ist sicher ein guter, engagierter Arzt, aber wir müssen uns von dieser Überhöhung von Medizinern lösen. Das ist ein Kult, der Gefahr birgt. Der das Fundament auch zu Keramik werden lässt. Wenn was schief geht, brechen diese Idole den Menschen gerne weg. Sie hauen das Fundament ob der Scham der vorigen Verkultung und Überhöhung sogar aktiv weg.

Ist es ein lesenswertes Buch? Ja, ich habe es am Stück gelesen und finde es sinnvoll.
Besonders muss ich S. Fischer loben: Die Qualität und das Design ist ansprechender als bei den Gottschling-Büchern (die auch gut sind!). Man sollte mehr Gespür, auch bei populärer Medizinliteratur walten lassen.

Gebrüder Lebert, Ehepaar Reichart: Herzensangelegenheiten ist erschienen bei S. Fischer

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.