Erklär mir diese Buchidee

Es ist allgemein bekannt, dass ich Giovanni di Lorenzo sehr schätze. Auch und gerade für seine Interviews. Der Sammelband seiner besten Interviews der letzten 25 Jahre erschien 2014 bei KiWi; der Verlag in dem auch seine Gesprächsbücher mit Helmut Schmidt erschienen und auch das essayistische Werk zusammen mit seinem Freund Axel Hacke „Wofür stehst du?“. In dem Sammelband empfehle ich insbesondere das Interview mit Renate Lasker-Harpprecht. Es war 2014 Titelstory in der ZEIT. Es ist atemberaubend erschaudernd.

2011 erhielt di Lorenzo einen Dämpfer. Sein Interview und das daraus dann entstandene Buch mit zu Guttenberg war ein publizistischer Tiefpunkt. Verrissen, verlacht und verdammt. Er musste Buße tun. Und das zurecht. Es war oberflächliches Gelaber und Geschwurbel.

Das nun vorliegende Werk „Erklär mir Italien!“ ist kein klassisches Interviewbuch. Es ist ein Gespräch zweier Italiener. Di Lorenzo musste Italien recht unfreiwillig verlassen als sich seine deutsche Mutter von seinem italienischen Vater schieden ließ. Mit dem Zug ging es ausgerechnet nach Hannover, zu Verwandten. Hannover war Anfang der 70er zu provinziell, so spießig und sehr fremdenfeindlich. Der heute mächtige Chefredakteur litt sehr, wie in dem Buch mit Axel Hacke nur zu erahnen ist. Er fand seine Heimat in der Sprache. Nach einem Praktikum bei der Neuen Presse war sein Berufswunsch klar: Journalist. Der Rest ist Geschichte.

Die Ausstattung ist KiWi sehr gut gelungen, es reicht fast an die Qualität von Kein & Aber heran. Das Papier könnte noch einen Ticken glatter, einen Ticken gelbstichiger sein. Die Schrift könnte etwas von den Serifen abgeschwächt daherkommen.

Ja, nun zum Inhalt. Das Gespräch geht über Italien. Soll gehen. Und geht doch viel über die Mafia. Das Thema, womit Roberto Saviano berühmt wurde. Weltbestseller. Mord, Totschlag, Grausamkeiten, das geht immer. Und dann noch aus realer Kulisse geschnitzt! Mir sind Menschen nicht geheuer, die sich die Aufklärung auf die Fahne schreiben und das moralische Recht so sehr in ihren Texten haben wie Fett das aus Pommes quillt. Die Frage ist, was würden diese Menschen ohne diese Missstände machen und wie sehr machen sie sich eins mit der Sache, in dem sie immer so einen Touch von Geilheit in ihren Ausführungen erkennen lassen. Sie wirken erregt von der Tatsache der Grausamkeit, dem Schauer des Unvorstellbaren. Den Koordinaten, warum solche Themen gut gehen: Das Verabscheuungswürdige zieht eben auch an. Wie Gaffen bei einem Unfall. Aushalten bedeutet hinschauen.

Mir kippt das Gespräch daher zu oft in diesen Duktus der erregten Betroffenheit, der selbstgerechten Schulterklopfmentalität. Ich finde di Lorenzo viel zu unkritisch, er fragt an kritischen Stellen zu wenig nach, ihm scheinen dann doch Fakten zu fehlen, um Saviano strikter nachhaken zu können. Teilweise verwirrte es mich auch, wer denn nun spricht. Di Lorenzos Beiträge sind zwar kursiv gesetzt, dennoch.

Nein, es gefällt mir nicht. Blättern darin ja, aber wirklich intensiv lesen nicht. Es ist mir zu yellow-press-like, zu kumpelig, zu anbiedernd – von beiden Seiten.

Schade.

Zum Vergleich: Rezension bei Bremen Zwei (Radio)

Robert Saviano / Giovanni di Lorenzo: Erklär mir Italien! ist erschienen bei KiWi.

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.