Deutschland ab vom Wege

Henning Sußebach hat nun schon sein zweites Buch vorgelegt, welches ich en bloc gelesen habe. Auf der Buchmesse verschlang ich bei Rowohlt die ersten 60 Seiten, bis mich meine Assistentin wegziehen musste. Termine!

Sein letztes Buch war der Bericht über die Aufnahme des syrischen Flüchtlings Amir Baitar (Name geändert) bei sich zuhause. Die Erlebnisse der Genese eines gemeinsamen Alltags, der durch allerlei Hürden gesäumt wurde.

Mit Sußebach habe ich wahrscheinlich nichts gemein. Er ist seit Ewigzeiten bei der ZEIT, hat eine Frau, Kinder, lebt des Preises wegen in einer Eigenheimschachtel (Haus!) in einem Vorort von Hamburg und fährt brav mit dem Zug zum Hamburger Hauptbahnhof jeden Morgen, um dann die 12 Minuten zum Speersort, dem Sitz der ZEIT, zu Fuß zurückzulegen.

Zu Fuß legt er auch in seinem neuen Buch einiges zurück. Genauer gesagt: die gesamte Strecke. Gelaufen wird in Büchern ja gerne. Seit Hape Kerkeling seinen riesen Erfolg mit „Ich bin da mal weg“ feierte (die Literaturkritik kotzte ob des Erfolgs), kann man mit Laufen und Selbstfindung vieles reißen auf dem schwächelnden Buchmarkt. Oft kippen diese Bücher aber in Esoterik, Scheinwissenschaft oder Überinterpretation.

Was man Sußebach lassen muss: Schreiben, das kann er. Wirklich. Und auch so, dass es einem wie mir, der immer mäkelig ist, nicht langweilig wird. Nicht zu verschwurbelt, nicht zu laberig.

6,2 % Deutschlands sind asphaltiert. Auf denen bewegen wir uns. Jeden Tag. Auch Sußebach auf seinen Trampelpfaden zwischen Häuschenidylle in Trabantenstadt und Büro mitten in Hamburg. Nun bricht er also aus für das Buch und zieht los. Immer längs der Straße, fernab von asphaltierten Wegen. Vom Darßer Leuchtturm bis zur Zugspitze. Und, er schafft es sogar.

Sußebach schreibt assoziativ, mit Wortideen, frischen Formulierungen und es gelingt ihm, logische Tatsachen doch noch kreativ und unverbraucht zu beschreiben. Die Beobachtungen der Menschen sind dabei ein Teilaspekt, es ist aber keine Reportage von den Besuchen seiner Begegnungen.

Es ist die Reportage eines Weges, den wir uns metaphorisch für unser ganzes Leben einmal in Frage stellen sollten: War das alles? Ist das alles? Auf 6,2 % spielen sich all unsere so großen, dramatischen und scheinbar unausweichlichen Probleme ab. Gibt es da draußen nicht noch mehr? Werden die Probleme doch relativ, wenn wir wieder ein wenig mehr mit den grundlegenden Problemen des Überlebens konfrontiert würden? Wo bekomme ich Wasser, wo ist ein Klo, wie reagieren, wenn Wildschweine queren?

Wieso reicht Seife nicht mehr aus, sondern muss es ein Duschgel mit Mango-Aroma und Massage-Effekt sein?

Weshalb macht uns ein Like auf Facebook so glücklich?

Sußebach trifft spannende Menschen. Verprellte (AfD-Günther), Glückliche (Wolfgang und Ute), Greise. Der 14-jährige Junge, der auf dem Hof seines Vaters für den Einkauf des Bullenspermas zuständig ist. Das einfache, aber glückliche Ehepaar, das ihn durch den Garten reinwinkt. Er trifft einen desillusionierten rumänischen Arzt, der „seinem Ego gefolgt war, sie (seine Frau) hatte ihres aufgegeben“.

Die Zeit hatte ihr Raster verlassen.

Mit der Nahrung ist es so eine Sache. Sie zu bekommen, ist schwierig, die Vorräte in nur einem Rucksack gering, das Betreten von Asphalt „verboten“. Die Natur ernährt ihn, wenn auch karg. Sein ständiger Begleiter, der Durst. Wer beim Ausdauersport mal merkte, wie krass Durst werden kann, so dass man alles vergisst und nur noch trinken will, weiß, was es bedeutet, durstig zu sein. Seine neuen Raststätten, so Sußebach, sind Bauern, die er über den Zaun nach Wasser oder Obst fragt.

In dem wohl erfolgreichsten Land, zumindest nach Zahlen, wird es hingegen dünn. Der Wanderer fernab der 6.2% kommt in arge Bedrängnis. Nach 400km gönnt er sich eine Tankstelle – mit einem „achtflügeligen Altar“: dem Getränkekühlschrank. Als er nach Bayern kommt, ist es nichts mehr mit der eigenständigen Versorgung. Es wird eng. Für ihn wird Bayern zur „kostenpflichtigen Naturattrappe“. Er findet keinen Anschluss, muss doch Gastwirtschaften in Anspruch nehmen (EC-Karten-Story!) und erfährt auch da wieder viel vom Breitengrad, auf dem er sich da bewegt (Golfclub!).

Sußebach hat ein Buch geschrieben, was man richtig scheiße hätte schreiben können.

Sußebach kam aber vom Weg ab. Er schrieb ein gutes, lesenswertes.

Henning Sußebach: Deutschland ab vom Wege ist erschienen bei Rowohlt

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.