Rock my Innenarchitekt

In der New York Times begehrt sind die Vorstellungen von Wohnungssituationen von Menschen, die es sich leisten können a) in NYC zu wohnen und b) sich eine Inneneinrichtung zu leisten, die nicht mehr kann als die von IKEA. Und dennoch hat es einen Reiz durch das Schlüsselloch dieser Wohnungen schauen zu können. Und im Gegenzug schätzen es die dort wohnenden Menschen, dass man ihnen durchs Schlüsselloch schaut. Wozu sonst der ganze Aufwand?

Gefühlbildend ist hier die HBO-Serie „Sex and the City“ (1998-2004). Die bürgerliche und in tradierten Gesellschaftsbildern verhaftete Charlotte zieht mit ihrem gutaussehenden aber emotional von seiner herrsüchtigen Mutter unabgelösten Mann in eine stilvolle Wohnung nähe Centralpark, natürlich. Und das wichtigste ist, dass zum Einzug die Zeitung vorbeikommt und Fotos macht. Alles muss perfekt sein. Alles, was man zumindest mit einer Kamera belichten kann. Seien wir also froh, dass diese Technik keine zwischenmenschlichen Krater ablichten kann, wir würden erschrecken.

Mit dem vorliegenden Werk Rock my Home von Christine Halter-Oppelt verhält es sich so: Die Bilder sind schön, die Gestaltung auch, die Texte manchmal sogar interessant. Was sich der geneigte Leser aber gleich abschminken kann: Einen wahren Einblick in die Wohnsituation der Musikerinnen und Musiker zu erhaschen. Der Einblick gilt aber jemanden: Den Innenarchitekten. Sie sind die heimlichen Stars, bilden Trends und Stilrichtungen ab. Sie sind die Ghostwriter des Wohnstils.

In einer Reportage über reiche russische Familien ist genau hier das Problem: Man sieht genau, was der Innenarchitekt sich dachte und wie doch die Persönlichkeit und der individuelle Stil seiner neureichen Bewohner aus jeder Pore wieder quillt. Pinke Tischuntersetzer, wild verlegte Stromkabel, blinkende Wandbildchen.

Karl Lagerfeld zog aus seiner Stadtvilla in Paris in eine Wohnung direkt an der Seine. Die Bilder zum Einzug ähneln denen im vorliegenden Buche. Sie sind steril, persönlich nichtssagend. Heute lässt Lagerfeld keinen mehr in seiner Wohnung fotografieren. Es sähe aber beileibe nicht mehr so aus, wie auf den Fotos, offenbart der Modezar. – Klar, denn jetzt lebt er in der Wohnung. Die Frage ist auch, wer lässt sich wirklich sein Schlafzimmer freiwillig in bewohntem Zustand fotografieren? Man kann sicher davon ausgehen, dass Celine Dion eines der Anwesen wählte, die am schönsten gelegen sind, aber am wenigsten ihres privaten Stils offenbart. – Sofern sie denn einen hat?

Ein wenig persönlichen Eindruck bekommt man bei Michael Louis Diamond und John Legend. Ansonsten ist es ein schöner Möbelkatalog. Dieses Buch findet seine Abnehmer. Ganz klar. Aber es ist die Kaste von Büchern, die Unerreichbares als Massstab für schönes Wohnen setzen und gleichzeitig dabei existenzielles vermissen lassen:

Persönlicher Geschmack der eigenen Person.

Das Buch kann eher den Untertitel tragen: Wie Innenarchitekten wohnen würden, wenn sie ihre eigenen Kunden wären.

Christine Halter-Oppelt: Rock my Home, erschienen bei DAV/Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.