Bärbel Schäfer: Meine Nachmittage mit Eva

Es ist ein sehr tränenreiches Buch. Nach bald zwei Jahren legt die Journalistin Schäfer ihr neues Buch im Gütersloher Verlagshaus vor.

Das letzte behandelte den Unfalltod ihres Bruders. Das jetzige geht auf den Holocaust zurück. Sie besucht die Shoa-Überlebende Eva und spricht mit ihr über das, was Menschen sich nicht vorstellen können. Und doch ist es aktuell wichtiger denn je, wieder aktiv und lauter denn je zu erinnern. Jetzt wo rechtes Gedankengut sich wieder salonfähig macht. Es ist widerlich, dass dies so ist. Die letzten Überlebenden sterben nach und nach und daher ist es wichtig, so viele Erinnerungen zu sammeln wie möglich.

Nie darf sich so etwas auch nur annähernd und wenn auch nur in Gedanken, wiederholen. Mit aller Kraft ist sich gegen Rechts zu stellen.

Eva schwieg fünf Dekaden. Sie verlor Bruder und Eltern, und war erst 11, als sie im Lager überlebte. Und das auch nur knapp, weil ein alliierter Soldat erkannte, dass sie noch atmete. Wie das ein Mensch seelisch überstand ohne damals oder später wahnsinnig zu werden, ist mir ein Rätsel.

Eva schaffte es, ein weitgehend normales Leben, inzwischen verwitwet, zu führen. Mit ihrem Mann sprach sie nie über die Erlebnisse. Doch nun spricht sie mit Schulklassen, berichtet, klärt auf über etwas, was sich die aktuell jungen Generationen kaum noch annähernd imaginieren können. Umso wichtiger ist Evas Engagement.

Bärbel Schäfer schafft ein Buch in dem sie auch selbstkritisch mit ihrer eigenen Familie umgeht: Wo wart ihr? Was habt ihr gemacht? Sie trifft auf eine Mauer des Schweigens, des Grolls der Nachfragen wegen. Ihr inzwischen verstorbener Vater lässt sie weitestgehend abprallen. Es ist eine Verhärtung, die ich auch aus eigener Familie kenne, inzwischen kannte.

Mir rutscht der Fokus manchmal zu sehr auf das Leben von Schäfer, ich hätte gerne mehr Passagen von Eva erlebt. Manchmal sind mir die Absätze auch zu gefühlig, zu assoziativ, zu wortklauberisch. Mir hätte ein Interviewbuch besser gefallen.

Schäfer schreibt aber auch nicht unbelastet. Sie konvertierte zum Judentum als sie ihren Mann, Michel Friedman, 2004 heiratete. Friedman selbst leidet sehr unter den Erlebnissen seiner Eltern, die zwar überlebten, aber unter den Folgen ein Leben lang schwer litten und somit der Sohn unweigerlich mitlitt. Er wollte nach New York, blieb aber im Land der Täter, den Eltern zuliebe. Diese hatten sich dem Pelzgeschäft wegen in Frankfurt am Main niedergelassen. Auch Eva kam mit ihrem Mann ins gehasste Täterland, auch nach Frankfurt. Friedman sagt, wenn er damals ein wenig älter gewesen wäre (er war 9), hätte er die Entscheidung, von Paris nach Frankfurt zu gehen, abgewandt. Die Verbitterung darüber ist ihm immer noch teilweise anzumerken. In seinem autobiografischen Roman „Kaddisch vor Morgengrauen“ (Aufbau Verlag, 2005) ist dies detailliert zu erlesen.

Nie schweigen! – das ist Friedmans Signiersatz. Und Bärbel Schäfer schließt sich diesem nun an. Richtig so!

Bärbel Schäfer: Meine Nachmittage mit Eva ist erschienen im Gütersloher Verlagshaus (Random House)

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.