Mal kein scheiß Ratgeber: Prof. Gottschling

„Schmerz ist ein Meister der uns klein macht,

Ein Feuer, das uns ärmer brennt,

Das uns vom eigenen Leib trennt,

Das uns umlodert und allein macht.“

Hermann Hesse

—- zitiert zu Anbeginn des Buches.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wie die meisten von Ihnen wissen, war ich lange Jahre engagiert im Rettungsdienst. Und etwas, was sofortiger und strikter Intervention bedarf, sind starke Schmerzen.

Bis heute höre ich aus der Erinnerung Schreie von Patienten, die unerträgliche Schmerzen hatten. Sei es das Kind, was sich seine Beine schwer verbrüht hat, der Mann, der sich seine Hüftprotese aus Versehen im Stehen auskugelte, oder die Frau, die von einem Auto angefahren wurde und sich beide Beine brach. Dazu kommen die Menschen mit chronischen Schmerzen. Tumorschmerzen. Schmerzen durch hohes Alter in Altersheimen. Davon sind viele, wie der Autor berichtet, an Schmerzen leidend unterversorgt.

Schmerzen werden bis heute inadäquat versorgt, das Wissen um die richtige Therapie ist rar.

Dabei muss der Patient nicht leiden, Durchhalteparolen sind Ammenmärchen und lästig. „Sie haben bereits die Maximaldosis“ ist meist die sinnleere Reaktion von vielen Menschen im Gesundheitswesen. Erwiesen ist auch, das das Schmerzempfinden durch kindliche Erfahrungen negativ beeinflusst wird. Dann nämlich wenn angenommen wird, Kinder würden den Schmerz nicht haben, weil sie ihn nicht mitteilten.

Schmerzmediziner Sven Gottschling schreibt wichtige Bücher. Sein zweites und aktuellstes beschreibt einen Zustand, der wenn man ihn nicht hat, nicht goutiert wird. Wenn man ihn aber hat, will man alles, damit er wieder verschwindet.

Schmerz.

Da erst seit 2016 die gezielte Therapie von chronischen Schmerzen ins Medizinstudium seinen Weg gefunden hat, wird es noch etwas dauern, bis flächendeckend Patienten mit Schmerzen adäquate Hilfe bekommen.

Dabei ist Schmerz ganz schön teuer. Rund vierzig Milliarden Euro verursacht chronischer Schmerz in Deutschland an Kosten – pro Jahr!

Davon entfallen zehn Milliarden auf die direkte Behandlung, die restlichen dreißig Milliarden auf Folgekosten wie Frühverrentung, Krankengeld, Arbeitsausfall, etc. Der Staatshaushalt der Bundesrepublik liegt bei 300 Milliarden.

Gottschling legt klagend offen, wie wichtig es also ist sowohl volkswirtschaftlich als auch humanistisch gegen Schmerz effektiver vorzugehen. Und auch aus medizinischer Sicht ist es wichtig, Schmerzen zu behandeln: Sie steigern Blutdruck und Herzfrequenz und können so Folgekrankheiten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen.

Der Autor durchkämmt alle wesentlichen Gebiete des Schmerzes. Von der Definition, zu Schmerzempfindung in verschiedenen Kulturen (alle gleich!), ob Schmerz männlich sei, wie Kinder Schmerzen empfinden (unzureichend therapiert!), wie Schmerzen im Alter empfunden werden und welche Medikamente mit welchen Konsequenzen genommen werden können.

Auch die Frage nach Alternativen und Placeboeffekten behandelt Gottschling. Krankheitsbedingte Schmerzen wie Kopf- und Rückenschmerzen werden ebenso thematisiert wie Anlaufstellen bei chronischen Schmerzen.

Sven Gottschling ist auf einer wichtigen Mission. Das merkt man seinen Texten an, die manchmal etwas zu rüde werden, etwas zu vulgo, aber bietet Verständlichkeit. Verstandenwerden muss auch ein Ziel von Ärzten sein, denn auch das kann Schmerzen lindern. So beschreibt Gottschling den Placeboeffekt anhand von Betablockern. Diese Herzfrequenz und Blutdruck senkenden Mittel können erektile Dysfunktion begünstigen als Nebenwirkung. Was aber fand eine Studie heraus: Wenn es den Patienten gesagt wird, dass es so sein könne, berichten 30% der Patienten davon. Einer anderen Gruppe wird es nicht offenbart, und nur 5% berichten von Symptomen erektiler Dysfuntkion. Es macht also schon deutlich etwas aus, wie und was genau Patienten gesagt wird.

Jens Lubbadeh hat zur Psyche des Patienten einen hervorragenden Artikel geschrieben, lesen Sie hier!

Gottschling offenbart dabei viel Privates. Von eigener Schmerzerfahrung, über eine grausame Spiegelung seines Vaters und seiner Fehldiagnose bei seiner eigenen Tochter. Er nahm ihre Bruchschmerzen nicht ernst. Und es war ein dreifacher Bruch des Ellenbogens, der auf dem Röntgen nicht eindeutig zu sehen war.

Jeder der mit chronischen Schmerzen (in jedweder Form) zu tun hat, sollte dieses Buch lesen.

Zur Aufmachung sei gesagt, dass ich glatteres Papier sehr schätzen würde, es wirkt doch arg billig. Auch Ratgeberliteratur darf wertig sein!

Prof. Dr. Sven Gottschling Schmerz los werden bei S. Fischer

Das erste Buch „Leben bis zuletzt“ von Prof. Gottschling zu Schmerzbehandlung am Lebensende 

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.