Rom, Villa Massimo

Der Augenblick verweile auch in der schönsten Umgebung nicht, schreibt Eva Sichelschmidt (Rezension ihres Debüts hier). Und sie muss es wissen. Seit mehreren Jahren pendelt sie zwischen Berlin und Rom mit ihrem Mann, dem Lyriker Durs Grünbein. In ihrem kürzlich erschienen Artikel aus Rom, beschreibt sie mehrere Orte der italienischen Oase des urbanen la dolce vita. Und als erstes: Die Villa Massimo.

Eine deutsche Enklave mitten in Rom. Eine Künstlersiedlung, die Stipendien vergibt und die Künstler für fast ein Jahr aufnimmt, ihnen einen monatliche Apanage zahlt und sie einfach machen lässt. Ausgehend von Bildenden Künstlern, wirken die aneinandergereihten Studios für Schriftsteller beinahe überdimensioniert. Mit großen Fensterfronten und damit viel Licht, der die Studios flutet. Eingebettet in beste Gartenatmosphäre, nichts zu sehen vom Straßenlärm der Großstadt.

Hanns-Josef Ortheil wirkt wie ein typisch näselnder Schriftsteller, der gern in seiner Kammer sitzt und schreibt. Aber er wirkt nicht nur so, er ist es auch. Dabei ist er gerne etwas selbstreferentiell, er lässt den Leser an seinem Leben und Wirken als Autor teilhaben. Mal in eigener Person, mal in einem alter ego.

Sein alter ego im vorliegenden Buch ist der Wuppertaler Lyriker Peter Ka, 35 Jahre alt, bettelarm und dennoch einigermaßen zufrieden mit seiner Situation und seinem Wohnort. Hier schließt sich der Kreis. Auch Sichelschmidt, wie Ka, kommen aus Wuppertal. Doch für Sichelschmidt stand schnell fest, dass sie dort nur wegwill. Nach Berlin. Für den lethargischen Ka ist das keine Option, er rastet in seiner rastschwangeren Art der gelebten Armut. Alles für die Kunst.

Ortheil lässt seine Doublette also nach kurzer Einführung in Rom ein Stpendium antreten. Was wirklich schön geriet sind die Erlebnisse, die Peter Ka alleine durchlebt. Wie er sein Atelier betritt, den Kontakt zu Dritten meidet, das Uve e Forme entdeckt, sich durch Käse und Wein schmaust und seine Gedanken collagiert. So hätte es für mich weitergehen können, die anderen Künstler des Jahrgangs hätten noch farbloser werden können, blieben die Beschreibungen des Seins im Umfeld der Villa gleich. Doch leider führt Ortheil die Malerin aus Studio X ein, um der ganzen Storyline doch eine rechtfertigende Verlaufskurve der unerfüllten Liebe zu einer strangen Frau anzugedeihen. Es tut nicht weiter weh, hätte aber auch fehlen dürfen. Ich bin von Handke verwöhnt, das Erleben auf die Innenwelt der Außenwelt des Autors zu beschränkt zu erlesen.

Doch dennoch, es ist eine Lektüre für zwei lange Cortados bei schönem Wetter im Café.

Als btb-Taschenbuch erschienen: Hanns-Josef Ortheil, Rom Villa Massimo

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