Rezension: Bauhaus Reisebuch

Es gibt Dinge, die prägen einen mehr als so manche Schulstunde. Es war eine Ausstellung 1999 über das Bauhaus an der Fachhochschule Hannover. Es folgte zuhause ein Plakat der Bauhaus-Ausstellung 1923 in Weimar. Dieses Plakat ist meine immer während erste Assoziation bei der Bewegung des Bauhaus´ (sehen Sie hierzu S. 25 links). Die zweite Erinnerung an Bauhaus ist nur mittelbar. Ich verschlang regelrecht das stern-Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Diese Kinder, kaum älter als ich damals, agierten wie scheinbare Erwachsene, hingen in den dunkelsten Ecken des Bahnhofs herum und konsumierten doch wirklich Drogen. Christiane zog, und nun schließt sich der Kreis, in die Gropiusstadt. Daher war mir der Name durchaus geläufig; dass dies der Gründungsdirektor des Bauhaus´war, aber lange nicht.

Bei Bauhaus denken viele Menschen nur an die bekannte Heimwerkermarktkette. Auch nicht so ganz falsch, denn das Errichten und Bauen gehören nun unweigerlich auch zu der Bauhaus-Geschichte ohne den Baumarkt. Das Bauhaus feiert 2019 sein hundertjähriges Gründungsjahr, nicht seinen Geburtstag. Es wurde ein Opfer der Umstände. 1919 in Weimar gegründet, zog es weiter nach Dessau im Jahr 1925 und wurde 1933 unter dem Druck des Nazi-Regimes geschlossen.

Was ist aber Bauhaus, so ganz genau? Bis zu dem Buch konnte ich auch nur vage antworten. Architektur, Gestaltung, Maler wie mein geliebter Paul Klee, der auch irgendwie zur Clique gehörte. Aufbruchstimmung, neue Formen, Möbel, Lebensform? Irgendwie doch alles. — Und das stimmt! Es ging um alle Formen der Gestaltung. Des Lebens, des Wohnens, des Arbeitens, der Interaktion von Mensch und Möbel. Dass das Bauhaus eine Hochschule für Gestaltung war, mit dem nachhallenden Nimbus eines Epochenbegriffs, war mir nicht klar. Ich sah es eher als Stilrichtung, als reaktionäre Bewegung. Der institutionelle Teil, die Hochschule, war nur 14 Jahre aktiv und zählt nur 1.250 Schülerinnen und Schüler. Welch´lächerliche Zahl in Anbetracht der Tatsache, welch´ unglaubliche Spuren diese Bewegung hinter sich ließ. Wie modern, wegweisend und puristisch sie daherkam und noch immer ist.

Gründungsdirektor Walter Gropius legt ein Manifest vor, in dem er mit dem Aufruf endet: „Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens.“

Wenn man sich auf Seite 46/47 den modernen Bungalow anschaut oder auf Seite 153 das „Historische Arbeitsamt“ wirken die Zeitläufe in sich verschränkt, die Gebäude verlassen und doch modern. Wo sind die Menschen, die dieses aus der damaligen Zeit gefallene gestaltet haben? Sie sind verschieden, und doch wussten sie damals schon, was uns heute gefallen wird.

Sich mit Bauhaus beschäftigen bedeutet, an verschiedenen Orten erkunden müssen zu wollen. Das Reisebuch nimmt die Hürde des physischen Reisens und lässt einen durch die Gewerke in Weimar, Dessau und Berlin wandeln. Das hohe schmale Format wirkt bauhäusisch, die dicke bauchige Schrift auch. Es hat eine Stimmigkeit und dennoch hätte man den Seiten mehr Atmung gegönnt. Den Texten mehr Weißfläche. Ein größeres Format hätte gut getan. Denn das Bauhaus und seine Schüler*innen haben etwas zu sagen. Für immer.

Bauhaus Reisebuch – erschienen bei Prestel

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.