Jane Gardam: Ein untadeliger Mann

Die Wege eines Lesers zu einer Autorin sind unergründlich. Andersrum genauso. Ich hätte nicht wirklich beherzt zugegriffen, würde ich die Gardam nicht schon kennen.

Tipps von Dritten, was man lesen sollte, kann man in der Regel getrost vergessen. Alle Schattenspiele in Buchhandlungen, man habe eine Freundin und aus dem Anlass Y,Y,Z bräuchte man jetzt einen schönen Klassiker und sie lese doch so gern, usw. Da gebe ich -ungefragt- einen Tipp: Nehmen Sie die Geldscheine und holen nen´anständigen Sekt und stoßen an (wahlweise auch guter O-Saft!) oder schmeißen das Geld über eine Ihrer Schultern. Es bringt nichts. Diese Bücher werden nicht gelesen. Nett gemeint, keiner wird Ihnen was anderes sagen, aber das ganze ist von vornherein eine frustrane Aktion. Lesegeschmack können nur wenige Menschen fühlen und diese müssen dann schon aktuell sehr nahe der Person sein, die da beglückt werden soll. Schnittmenge gen Null strebend.

Aber, auch das passiert, manchmal passt es. So kam ich nämlich zu der Gardam. Die inzwischen schon bald die neunzig (!) passierende Autorin erinnert mich an die fiktive Jessica Fletcher, dargestellt von Angela Lansbury, die in Mord ist ihr Hobby als Krimiautorin Kriminalfälle löst. Der Knoten zum Schreiben hat sich bei Gardam übrigens sehr spät gelöst. Erst mit 40, ihr drittes und letztes Kind schulpflichtig wissend, ließ sie sich hinsetzen und stetig neue, erfolgreiche Bücher veröffentlichen.

Wie kam ich nun zur Gardam. Marina Krauth, Geschäftsführerin der Buchhandlung Felix Jud aus Hamburg, schenkte mir eine liebevoll gestaltete Kurzgeschichte. Die Autorin sagte mir nix, aber das sagt auch nix aus. Was mich aber fesselte, dass Gardam einen Schreibfluss hat, als wenn man mit ihr am Kamin sitzt, Earl Grey mit frischer Zitrone dampft und das Feuer lässt das Brennholz knistern. So lag ich auf Sylt an einem viel zu kalten Strand, der Wind riss wechselhaft an meinen Sachen, der Sand krächzte zwischen den Seiten und ich las und las. Und las fertig. Warum ich das Buch bekam damals, das lesen Sie hier. Oder später…

Ihr Motiv ändert sich dabei wenig, es ist das englische Großbürgertum mit einem immer leicht spöttischen Einschlag, mit Malaisen, mit unter den guten englischen Teppich gekehrten Problem. Bereits 2004 erschien in Großbritannien das vorliegende Werk, Der untadelige Mann“. 2015 folgte bei Hanser die Übersetzung, welche nun bei dtv als Taschenbuch erschienen ist. Und wieder ist es der Erzählfluss, den dieser Text so charakterlich stark macht. Er fließt.

Den Dank muss man aber hier ganz bewusst nicht nur an die Autorin richten, sondern auch an die begnadete Übersetzerin Isabel Bogdan aus Hamburg. Denn sie schaffte eine Übersetzung, die keine Lust auf die Originalversion macht. Und das ist in Ordnung! Wie viele Menschen quälen sich, Filme, Serien, Bücher im OV zu verstehen und verstehen gar nur die Hälfte. Aber schick ist es! Allerorten darf ich mir diesen Unsinn anhören. Sie können sich denken, warum in Filmen mit OV und ohne Untertitel weniger gelacht wird: die Leute raffen weniger. Aber Hauptsache immer einen auf Kosmopolit machen. Dass Dummheit eben nicht kosmopolitisch ist und diplomatisches Geschick auf verstehen können beruht, entgleitet den ideologischen Nomaden. Die dabei entstehende dogmatische Ader und Abwertung aller nicht-OV´ler vergessen sie wie die nötigen Untertitel. Aber, liebe Leser! Wir schweifen ab!

Kommen wir zurück. Die ZEIT, in persona Susanne Meyer, überschrieb ihre Rezension mit „Tttttttttoll!“ Ich habe die verwendeten T´s nachgezählt. Es sind 9. Ob das einer neuen Sternebewertung gleichkommt, gilt es zu validieren. Nichtsdestotrotz hat Meyer mit ihrer Lobeshymne recht. Grazil und kuschelig zugleich kommt Gardam mit ihrem Protagonisten, Old Filth, daher. Ein lieber alter Witwer, ehemals erfolgreicher Anwalt in Hongkong als es noch dem Empire hörig war. Daher auch sein Spitzname Filth: Failed in London try Hongkong. Seine liebe Frau vermissend und sich der Tatsache ausgesetzt, dass ein Landhaus weiter sein früherer Erzrivale einzieht. Beide inzwischen nicht mehr ganz physisch auf der Glanzhöhe. Doch das alles nur Fassade für die Einleitung in die Geschichte des Ehepaares, welches viele schmutzige Tiefen erlebt und vergraben hat. Als Anwalt des Empire hat er für Recht gesorgt, doch wessen Recht das war, ist retrospektiv fraglich. Der Tod seiner Frau beim Tulpenpflanzen, der unklarer wird, so mehr Seiten dahingehen.

Die Einleitung dient wirklich nur der Anbahnung des Rückblicks in die Geschichte von Edward Feathers und seiner Frau Betty. Beide sind Raj-Waisen, Zwangsverschiffte Kindern aus den Kolonien, die in oft kalte und brutale Pflegefamilien integriert wurden und alles erlebten, aber keine Kindheit. John Grisham ließ seinen Durchbruch „Die Firma“ in der Front Street spielen, was so viel heißt wie Fassaden-Straße. Dort bricht die tadellos scheinende Anwaltskanzlei zu einem verlängerten Arm der Mafia durch und auch das so distinguiert-britische Ehepaar hat einige Colliers und Krisen vergraben.

Gardam legt einen sprachlich-inhaltlichen Teppich aus, um ihm den Leser dann doch etwas ruppig wieder wegzuziehen. Denn die romantische Winternummer eines älteren Herren, wer würde die nicht gern als absolut nehmen?

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann, erschienen bei dtv

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.