Ohne Schwung kein Leben. Ijoma Mangolds Erinnerungen

Wer sich in die Gefahr begibt, kommt darin um. Menschen, die am Herd stehen, aber nicht selber kochen, sind dazu geneigt, irgendwann selbst die Herausforderung zu suchen, ein Gericht zu zaubern. Denn bei jedweder Herstellung ist immer ein Quäntchen Zauber dabei. Nichts, was ein Rezept beinhalten könnte. So und vor allem auch beim Schreiben.

Ijoma Mangold steht in exponierter Stelle am Herd der Literatur und begutachtet als Verantwortlicher im Bereich des Feuilletons die Literatur. Das ist seine Profession, das hat er studiert. Beschreiben, beurteilen, bewerten. Er hat es weit gebracht, das Feuilleton der ZEIT hat noch Relevanz im sterbenden Zeitungsmarkt. Mit 46 Jahren hat er damit eine respektable Position erreicht und könnte in selbiger zufrieden sein. War er aber nicht. Es juckt sie immer, sagte mir vor kurzem eine Autorin über Journalisten, die dann doch das Schriftstellerische reizt. Mangolds Chefredakteur di Lorenzo beklagt mit leichter Jovialität seinen Autoren immer den Schriftstellerdrang austreiben zu müssen. Klappen tut das nur bedingt, wenn man sich Henning Sußebach, Bernd Ulrich und nun auch Ijoma Mangold anschaut.

Insbesondere bei einem Literaturkritiker ist die Fallhöhe aber exorbitant. Der der immer die Finger in die Wunden legt, der will nun also mitmischen. 1999 legte Reich-Ranicki seine Erinnerungen vor – ein Beststeller. Doch, war es ein Bestseller ob der schriftstellerischen Brillanz, der alles verkaufenden Marke Reich-Ranicki, oder des unglaublichen Lebensverlaufs? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Oder auch nicht.

Mangold jedenfalls legt bei den von ZEIT-Journalisten beliebten Verlag Rowohlt seine „Geschichte“ vor; Erinnerungen wären dann für einen Sechsunvierzigjährigen doch etwas grotesk geworden, obwohl das Erinnern zurzeit ein literarischer Sport ist.
Auf 340 Seiten legt er sein Leben dar, von Kindheit bis zum Tode seiner beiden Eltern 2010 und 2011 und der anschließenden Rekapitulierung seines Lebensweges.

Die Fragen sind immer: Wer will das lesen? Würde es auch jemand lesen bzw. verlegen, wenn es eben nicht Ijoma Mangold von der ZEIT wäre? Man kann das genau so wenig beantworten, wie die Frage nach Huhn und Ei. Man kann es aber auch vergeigen. Der pensionierte Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier legte sein Debüt im Form eines Romans über die Zeitungswelt vor. In dritter Person und wiederkehrender inhaltlicher Dynamik reüssiert er über die journalistische Welt. Und es ist grässlich langweilig zu lesen.

Diese Erinnerung durchzuckte mich, als ich von Mangolds Buch erfuhr. Der von mir geschätzte Journalist, hoffentlich baut er sich nicht an der eigenen Peinlichkeitsskala! Entblößungen des Privatlebens haben im ebenfalls untergehenden Fernsehen Hochkonjunktur, doch folglich kommt es gerne zu einem Schamkater, wie Psychologe Micha Hilgers einmal anbrachte. Erst hinterher würden die Personen sich erst im Klaren, was sie da alles offenbarten.

Mangold ist Kind einer deutschen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und eines nigerianischen Arztes. Eine verworrene Familiengeschichte, den Vater lernte er erst 1993 mit 22 Jahren kennen; er spielte vorher keine Rolle in seinem Leben, er sollte es auch gar nicht. Kennenlernen nicht vonnöten. Die üblichen Probleme der Integration passieren Mangold glücklicherweise nicht, vielleicht auch, weil er, wie er selbst befürchtet, überassimiliert daherkam. Deutscher als ein Deutscher. Das Stigma seines Lebens sei die Zuneigung zu Thomas Mann und Richard Wagner gewesen. Sie habe ihn zum Sonderling gemacht, dennoch er sich durch eben diese beiden besser verstanden fühlte, als durch seine Altersgenossen.

Mangolds Kindheitserinnerungen kommen in dritter Person daher. „Der Junge“ erlebt bis Seite 66 seine behütete Jugend im Heidelberger Raum in einer „Rumpffamilie“. Sie müsse ihn zu allem zwingen, denn die Schwäche der Mutter forderte seinen Trotz heraus. Sie sind eine Zwangsgemeinschaft. Seine Abneigung gegen Freud ist spürbar; seine Mutter lebt ihre Praxisarbeit auch im Umgang mit dem Jungen. Die Psychoanalyse immunisiere sich gegen jede Falsifizierung.

Der Trotz bleibt: Der Vereinnahmung seiner wiederentdeckten nigerianischen Familienseite wehrt er sich stetig: Ich möchte doch nicht aus Gruppendruck gläubig sein! Gegen irrationale Autoritäten (Fromm, E.) hat er etwas, das will er nicht. Bis heute.

Die frühen Kindheitserinnerungen können dem Leser zuweilen leichte Fremdschamgefühle beifügen, die kurzen assoziativen Geschichten sind neckisch, aber doch nicht geschichtsprägend. Viel spannender sind die späten Kapitel über das Ende seiner Eltern, die Erschließung von Briefen seiner Eltern und die damit verbundene Erkenntnis, dass doch nicht alles so war, wie er es sich selbst jahrzehntelang suggerierte.

Es bleibt eine unzufriedene Unruhe, eines zurückgebliebenen, der eine eben niemals wirklich fassbare Familiengeschichte erlebte und sich vorwirft, zu Lebzeiten nicht hartnäckiger nachgefragt zu haben. Die Frage ist nur: Hätte es was gebracht?

Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil – Meine Geschichte erschienen bei Rowohlt

Ich danke dem Verlag, ich erhalte kein Honorar.