Rezension: Verwaltung verstehen

Denn Herrschaft ist im Alltag primär: Verwaltung.

  • Max Weber

Suhrkamp hält sich mit dem Klappentext kurz und schreibt lieber ein Zitat von Max Weber als alles umfassenden Satz. Denn, Weber hatte Recht. Verwaltungen sind in der Forschung wenig erschlossen und doch bilden sie die alltägliche Grundlage für das Leben wie wir es kennen. Man sagt der Verwaltung immer nach, man verdiene mit ihr kein Geld, sie sein nur ein Kropf des Systems, erwachsen aus den Einheiten, die produzierend tätig sind. Sei es nun physisch oder metaphysisch. Doch umkehrschlüssig ist ein Leben ohne Verwaltung ebenso sinnlos, wie man bei Loriot entlehnen kann. Durch die Sozilogie-Koriphäe Niklas Luhmann (gest. 1998) bin ich überhaupt dem Thema nahegekommen. Vorher war für mich Verwaltung das, was es für die meisten Menschen wohl immer bleiben mag: sie war da. Ungefragt, unangefochten. Eine Institution wie der Urknall. Neben der Frage, wie Verwaltung funktioniert, wäre auch die Frage, was Verwaltung ist. Wo fängt sie an, welche Einheiten sind ihr zuzurechnen? Wolfgang Seibel bietet in seiner bei Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft verlegten Studie eine „theoriegschichtliche Einführung“. Das Buch bietet die Möglichkeit, überhaupt eine Sichtweise auf die Verwaltung als Subjekt der Administration zu entwickeln. Seibel füllt Kapitel mit den Titeln „Verwaltung und Ethik“, „Verwaltung als Arena“ oder „Bürokratie, Bürokratisierung und Bürokraten. Für viele Menschen ist die Verwaltung ein seelenloses Wesen, dessen Anforderungen mit aller Kraft abgewehrt werden müssen – solange, bis es nicht mehr geht. Nicht umsonst lassen es viele Menschen beim Finanzamt immer bis zum Zwangsgeld der verwalterischen Kaskade gehen, bis sie reagieren. Sie fühlen sich gegängelt, forciert von einer Macht, derer sie kein gedanklicher Herr werden können. Und die Frage ist manchmal, bei Auswüchsen einiger Verwaltungsapparate wirklich: ist die Verwaltung selber überhaupt noch ihr Herr? Kennt sie sich selbst mit allen organisatorischen Wucherungen und Bypässen?

Seibel leitet das Buch auf sehr angenehme Weise ein. Er nimmt eine menschliches Beispiel. Das steht ihm gut zu Gesicht. Denn Verwaltung ist der Inbegriff für Regeln, die eingehalten werden müssen, derweil sonst die Verwaltung in sich obsolet würde. Doch diese Regeln, so ziseliert sie auch immer weiter definiert werden, decken eben doch nicht alle Fälle dahingehend ab, dass sie eine organisatorische, ökonomische und humanistische Allroundlösung bilden. Eine Finanzbeamtin bekommt Krebs. Wenn der Amtsarzt bescheinigt, dass ihre Erkrankung „infaust“, sprich hoffnungslos ist, werden ihr die Bezüge für ihre Familie gekürzt. Humanistisch ein no go. Doch wie verfahren? Im vorliegenden Beispiel verzögern die Beteiligten die Abgabe des Gutachtens so lang bis die Beamtin verstirbt, die Kürzung obsolet ist. Alle werden sagen: das war die richtige, die humanistische Lösung. Doch wo ist, ganz abstrakt gedacht, die Grenze des Beugens von Regeln zum Missbrauch und Straftat? Diese Frage wird kein Buch klären können, doch Wolfgang Seibel schafft ein gutes Entrée.

Wolfgang Seibel: Verwaltung verstehen erschienen bei Suhrkamp

Zusätzlich hierzu passend: Das unternehmerische Selbst von Ulrich Bröckling

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.