Rezension: Glück gehabt – Memoiren Michael Naumann

Michael Naumann war vieles im Leben und hat dabei aber ein Kontinuum: er wirkt stoffelig und verpeilt. Wobei diese Momentaufnahmen sicher seiner Lebensleistung nicht gerecht werden, aber wie bei allen älteren Menschen, kennt man ihn nur im vorgerückten Alter. Einen jungen, agilen Naumann kann ich mir nur schlechthin vorstellen, doch gleich es ihn gegeben haben muss. Optisch werden das die nun von ihm bei Hoffmann und Campe vorgelegten Memoiren nicht lösen können, sie kommen vollends ohne Bebilderung aus, was schade ist.

Naumann studierte Politik, Geschichte und Philosophie, doch machte er was draus, statt auf Taxischein und/oder Arbeitslosigkeit zu steuern. Er wurde Journalist bei SPIEGEL und ZEIT, um dann mit vierundvierzig Jahren die Rowohlt-Verlage zu führen. Anschließend ging er nach New York, um dort Verlage leiten. Aus dem Journalisten und Verleger wurde dann ein Mann des Staates, ähnlich wie auch „Kultur-Pudel“ Julian Nida-Rümelin, seinem Nachfolger. Schröder berif ihn ´98 als Staatsminister für Kultur und Medien, nur ohne Pudel. 2001 wurde er dann Chefredakteur und Herausgeber der ZEIT in einer Zeit, in der selbige dem Siechtum verfallen war und ihr das Totenglöckchen geläutet wurde, wie sein Nachfolger im Amt des CR, Giovanni di Lorenzo sagte. Dieser rettete die ZEIT aus der Entwicklungsstarre und führt die altehrwürdige Wochenzeitung mit großer Verve bis heute. Seinen beruflichen Abschluss findet Naumann derzeit als Gründungsdirektor der Barenboim-Said Akademie in Berlin.

Soweit zum Werdegang, den ich mir immer wieder durchlesen muss, da er nicht von einer Stringenz in einer Domäne bestimmt wird. Naumann springt und scheint dabei durchaus in mehreren Feldern erfolgreich gewesen zu sein. Als Journalist, Verleger, Chef. Grund genug, dass er nun mit Mitte siebzig seine Erinnerungen mit dem Titel „Glück gehabt – Ein Leben“ vorlegt.

Ich schenke mir bei biographischen Schriften konsequent das erste Drittel; Kindheitserinnerungen ermüden mich über die Maßen. Gespannt war ich bei Naumann über seine Zeit bei der ZEIT. Wie soll ich sagen. Ich bin zwiegespalten. Der Autor schreibt flüssig, eingängig lesbar, spannend und kurzweilig. Kein Kapitel dauert länger als zwei bis drei Seiten. Mit meiner geliebten ZEIT scheint er final so seine Probleme gehabt zu haben. Er fühlt sich als rausgelebtes Fossil, was ihm ob seines Lebensweges doch nicht so gut zu Angesicht steht. Es wirkt wie tendenzielles Nachtreten, aber ohne Energie. Vielleicht sind diese finalen Erinnerungen bedingt durch die glücklose Hand bei der Führung der Wochenzeitung? Es ist schwer zu gehen für Alphatiere, der eines sein muss. Nicht anders hält man es in Spitzenpositionen. Kommen wir aber zu meiner Unsicherheit: Neben der eingängigen Gestaltung wirkt vieles aber auch einfach belanglos. So wundert es in einem der letzten Kapitel, dass Naumann sogar die Firmen namentlich aufzählt, mit denen er gut bei der Errichtung der Barenboim-Said zusammenwirkte. Auch nennt er immer wieder wörtliche Zitate bei denen ich mich frage: Notiert man sich so etwas? Merkt man sich so etwas? – Ich würde es nicht tun.

Alles in allem eine lesbare Kost, aber ob der Buchmarkt auf diese Memoiren gewartet hat? Ich weiß es nicht. Ich empfehle den Kauf nur bei wirklichem special interest und vorherigem Anlesen. Sonst ist die Enttäuschung möglich, auch wenn die Lobhudelei auf der Rückseite des Covers einen fast ausgleiten lässt. Ach, apropos Cover: Grässliche Covergestaltung, eher einer Traueranzeige würdig, kommt es eher einer ZEIT-Ausgabe der 2000er nahe („Grabplatte“), als einem einladenden Buch eines agilen Medienmenschen.

Michael Naumann: Glück gehabt, erschienen bei Hoffmann & Campe, Hamburg

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.