Rezension: Das letzte mal Paris

Alles beginnt mit der Verklärung. Bei keinem anderen Reiseziel geraten meine Gesprächspartner so in Verzückung wie bei Paris. Es ist ein Mythos, eine lebende Legende. Michel Friedman bekommt noch heute feuchte Augen, wenn er von seiner Geburtsstadt spricht. Und ja, ich kann es nicht ganz verneinen, dass diese Stadt einen Reiz besonderer Güte versprüht. Die Menschen leben hier wahrhaft auf der Straße, Flanieren hat hier einen Stellenwert und die Architektur lässt mich immer wieder frohlocken.

Es hat so etwas eigenes, dass es zuweilen Touristen seelisch zu Boden ringt. Das Paris-Syndrom! Denn oft ist dann doch die Vorstellung dessen, was Paris ist fähig an romantischem und erhabenen Lebensgefühl zu liefern, nicht ganz konvergent zu dem, was die Touristen dann erleben, erleben können. Hierfür gibt es im japanischen Sprachgebrauch wirklich einen Begriff, der zwar nicht ICD-10 gelistet ist, obgleich ich glaube, dass insbesondere bei sehr verbohrten, erwartungsgetriebenen Touristen dieses Phänomen durchaus auftreten kann. Lesen Sie hierzu bei Wikipedia mehr.

Der US-amerikanische Autor und Journalist Elliot Paul war Korrespondent der Chicago Tribune in Paris. Er hingegen litt nicht unter eben beschriebenem Syndrom, denn er liebte die Menschen in einem so engen Radius, dass keine Verklärung aufkommen konnte. Es ist die Unterschicht der er sich nähert und nicht dem „big picture“ Paris. Wir schreiben das Jahr 1923 und Paul lässt einen teilhaben an seinem Leben rund um die Rue de la Huchette, einer kleinen Gasse des Boulevard St. Michel.

Die Betitelung Roman passt nicht ganz, es sind eher Episoden, die er miteinander verwebt. Thomas Bernhard wäre ausgeflippt, so detailreich Elliot die Straßen, die Menschen und ihren Eigenheiten abbildet, aber wiederum hat es durchaus einen Reiz, fast das Gefühl zu haben, mit in der Straße zu stehen oder in der Bar einen Pernod zu heben. Die deutsche Erstausgabe wurde 1944 im Exilverlag, Stockholm, verlegt und ist nun Ende 2016 vom inhabergeführten MaroVerlag aus Augsburg neu im Hardcover erschienen. Es wird bemängelt, dass an der Ursprungsübersetzung kaum etwas geändert wurde. Es mag an mir liegen, aber ich konnte keinen Anlass zur Kritik finden. Das mag aber auch an mir liegen.

Das Buch ist schön hergestellt und mit dem Titel „Ein letztes mal Paris“ sind die Träume geweckt und Paul nimmt einen mit in eine Zeit, die längst vergangen ist. Und doch hofft man beim Besuch von Paris, die Zeit nachspüren zu können.

Düsen Sie also gerne mal nach Paris, fürchten sich so wie ich vor den ellenlangen Rolltreppen der Pariser Metro und trinken überteuerten Café au lait und erleben in Bruchteilen doch etwas von dem was Pariser so überzeugt von ihrer Heimat sein lässt. Nutzen Sie die Bahn für spontane Trips. Ab Frankfurt kann man morgens hin und abends zurück für kleines Geld.

Elliot Paul: Das letzte mal Paris, erschienen bei MaroVerlag, Augsburg

Ich danke dem inhabergeführten MaroVerlag ausdrücklich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars; ich erhalte kein Honorar.

Screenshot Cover: maroverlag.de