Rezension: 4, 3, 2, 1

Setimentality cheapens life, sagte einst Siri Hustvedt, die Frau von Paul Auster. Doch ist Literatur nicht immer ein wenig rückblickend sentimental und somit billig? Billig ist Austers Buch rein rechnerisch nicht, aber auch nicht teuer: Ein Schinken mit 1000 Seiten mit der Hang zum Muskeltraining für die Leserinnen und Leser. Bei Büchern dieses Umfangs bin ich um die Entwicklung des E-Books so gar nicht traurig. Denn es ist etwas ermüdend, das Papierkonvolut so zu halten, dass man es halten und lesen kann.

Über das Halten und Lesen hinaus stellt sich die Frage, was man über ein Buch, welches weltweit so gut abverkauft und über das sich so viele schlaue und weniger schlaue Menschen beurteilend ausgelassen haben, überhaupt noch schreiben soll? Die Frage ist mir noch nicht ganz in ihrer Beantwortung klar.

Der amerikanische Martin Suter, sagt ein Freund mir auf meine Entgegnung, dass ich zurzeit mit dem neuen Auster meine Papiere glätte. Es gibt diese Autoren ähnlich der Tagesschau, die ab einer gewissen Zeit der Verbreitung sicherlich auch in Latein veröffentlichen könnten und die Menschen würden dennoch die Bücher abgreifen. Bei der katholischen Kirche ist es sogar Fakt und bei der Tagesschau nicht undenkbar.

Fast Fakt ist auch, dass Austers Protagonist Archibald Ferguson ein alter ego seines Schöpfers ist und dieser damit sein finales opus magnum vorgelegt hat. Was soll da auch noch kommen, frage ich mich. Generell ist mir eine solche Bewunderung immer passiert, wenn Menschen ernsthaft sinnvolles in einem Buch mit so vielen Seiten vorlegten. Sei es Les Miserabeles oder dieses eine New-York-Buch, bei dem der gehypte Autor einen Millionenvorschuss bekam. Ein Wunderwerk der inhaltlichen Gestaltung, der Storylineführung, der Plausibilität.

Auster erzählt dem Titel folgend die Geschichte von Ferguson als jungem Amerikaner der fünfziger und sechziger Jahre und mittels Freiheit der Erzählung spielt Auster das Leben seiner Hauptperson in vier verschiedenen Schichten durch. Es dekliniert es mit unterschiedlichen Ausgängen. Ähnlich wie die Lindenstraße zur Wahl arbeitet: Es gibt mehrere gedrehte Fassungen und dann wird spontan geschnitten, je nach Wahlergebnis.

Neben dieser erzählerischen Freiheit und der vielen Möglichkeiten die ein Lebensweg bietet, und wenn es eben die hoffnungslosen Lebenswege sind, bedient Auster damit eine Urfrage des konjunktiven Denkens: Was wäre wenn? Wenn ich den Job genommen, die Ausbildung beendet oder den Partnern entsagt hätte.

Er lässt Ferguson neben den großen Ereignissen der Zeitgeschichte vier grundverschiedene durchlaufen: provinziell, progressiv aber ohne Glück, betroffen und von der Zeit eingenommen und schlussendlich von Genialität beseelt. Als ich vor ein paar Tagen wieder mein Reisetagebuch meines Amerika-Austauschs in die Hand nahm, musste ich unweigerlich meine damaligen Mitreisenden googlen. Was ist aus Ihnen geworden? Was umtreibt sie? Viele haben Kinder, sind arriviert und haben Haarverlust (die Herren). Sie wirken so angekommen derweil ich mich auf der immer währenden Suche nach Sinn und Fortkommen wähne. Eine Mitschülerin ist nun Architektin in Kanada. Sowas von angekommen, dass ich abschliessende Filmmusik erklingen höre in mir, wenn ich ihre Vita auf der Internetseite lese. Abspann, alles gut. Für sie scheint der Aufenthalt „drüben“ damals weichenstellend gewesen zu sein.

So wie unsere Lebenswege der kleinen fünfzehnköpfigen Gruppe, die 1999 in den tiefen Westen der USA aufbrach, könnte man jeden Lebensweg auf mindestens vier verschiedene Verlaufsschienen setzen. Doch Optionen machen Angst, insbesondere heutzutage. Die technischen Vergleichsmöglichkeiten sind groß, ohne Zeitverlust und oft ernüchternd, wenngleich oft nicht die Realitäten abbildend. Das wollen aber die meisten Menschen in einem Vergleich auch nicht. Das Profane des gesamten Seins stünde zur Disposition, die Fragilität der Gruppe und des jeweiligen Seins könnten bewiesen werden. Unter jedem Dach ein Ach.

Zuviel Deklinieren des Eigenen führt zum Zermartern, zum Überhöhen der scheinbar verpassten Chancen. Es wird sentimental und das wird dann, wir halten uns an Pauls Ehefrau, billig. Um nicht billig zu sein, sollte man lieber deklinieren lassen.

Also, ran an Paul Austers magnus opum: 4, 3, 2, 1 erschienen bei Rowohlt.