Kommentar: Sekundärabsturz – Günter Lubitz

Günter Lubitz reagiert nicht, er wiederholt – ein Kommentar

Was tut ein Mann, der für den Rest seines Lebens in der moralischen Defensive der Gesellschaft leben muss. Verdammt dazu, Vater eines mehrfachen Mörders zu sein mit der Erkenntnis, am wahren Leben seines Sohnes wohl schon länger viel weniger Anteil gehabt zu haben, als er selber glaubte.

Dass in der PK der Vater sitzt, ist auch ohne Ausweis klar. Die Ähnlichkeit ist frappierend, mag man zwischendurch glauben, der Sohn im vorgerückten Alter spricht zu einem. Der Vater begeht auf die Minute zwei Jahre nach dem Absturz der Germanwings-Maschine auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf erweiterten PR-Suizid. Er nimmt sich und die Angehörigen auf einen erneuten Absturz mit. Ähnlich wie die Passagiere, haben auch diesmal die Angehörigen keine Wahl. Sie müssen mit und dürfen nicht ins Cockpit. Der Zutritt ist ihnen zur väterlichen Pressekonferenz versagt, und mit dem Termin hat er einen naturgemäßen Ausschluss geschaffen, die Angehörigen am zweiten Jahrestag in den französischen Alpen wissend; dort wo sein Sohn mit erdrückender Beweislast den Airbus A320 am 24.03.2015 um 10:41 in die Berge steuerte. Controlled flight into terrain nennt man das, aber in den meisten anderen Flugunfälle ist menschliches Versagen in Verquickung mit technischer Fehlbedienung die Ursache.

Versagt haben bei Sohn Lubitz andere und auch wieder nicht. Die Untersuchungen halten an, und werden aller Voraussicht nach im Sande verlaufen. Andreas Lubitz ist durchs Netz gerutscht, bei Deutschlands Flag-Carrier, der Deutschen Lufthansa, denen die ZEIT zu Unrecht das technische Totenglöckchen läutete. Keinem fiel auf, dass hier jemand psychisch komplett dekompensierte, bis er den Exit im erweiterten Suizid suchte. Der Vater stürzt sich ob der Schuldgefühle, nichts bemerkt zu haben, in gefährlichen Aktionismus. Befeuert vom Luftfahrtexperten Tim van Beveren. Was ein ‚Experte‘ allerdings ist und kann, ist weit definierbar. Im TV umso weiter. Nach Kants §7 ist ein Begriff umso nutzloser, so mehr man unter ihm subsummieren kann.

Ad extenso überreizen das dynamisch-tragische Duo Lubitz/van Beveren auf der PK und ernten erschüttertes Kopfschütteln der streng lizensierten Teilnehmer.Viele Menschen sind nach Verlusten auf der Suche nach der dezidierten, differenzierten Aufklärung. Die Wahrheit, soweit möglich, ist diese zu heben wie einen Schatz, der aber oft so profan ist, dass er die Zurückgebliebenen agressiv macht. Das kann doch nicht alles gewesen sein!, hört man regelmäßig klagevoll. Da ist das iPad, mit dem Begriffe wie Suizid und Cockpitverriegelung gegoogelt wurden untergeschoben oder wegen schlechtem Wetter der Autopilot auf 30Fuß gestellt worden.
Beides, und insbesondere letzteres illusorisch.

Man möchte den armen, gebrochenen Mann in den Arm nehmen und trösten;
— den ihn anleitenden Experten in eine Ecke schieben.
Und doch, er hat es getan, wie sein Sohn vor zwei Jahren: Er hat es durchgezogen.

Jan C. Behmann