Kritik: KOHLHAAS-Solo mit Isaak Dentler

Dass nicht allen Menschen klar ist, welche enorme Leistung hinter einem Soloabend steht, ist klar, als ich in die verhärmten Gesichter neben mir blicke. Ein junges Paar, welches nur qua Ausweis als jung gilt, ist sichtbar konsterniert ob der akklamatorischen Gewalt des Publikums die Isaak Dentler nach knapp einer Stunde als Michael Kohlhaas entgegenschlägt.

Ganze fünf mal kehrt er auf die Bühne zurück.

Und zwar als Mensch, nicht mehr in seiner Rolle. Burghart Klaußner sagte hierzu in Alles Theater, dass der Text, die Rolle und das Dunkel des Zuschauerraumes viel mehr Schutzraum als Agora für Schauspieler sei. Dentler sieht man seine Freude, aber auch seine immense Scheu gegenüber dessen, was er in dem bunt durchmischten Publikum auslöst. Er hat es – wieder – geschafft; sie zu enthemmen, sie zu begeistern, quer durch alle Altersgruppen durch. Und das ohne Dialog, ohne faktisch das, was wir Handlung nennen. Nur mittels einem altertümlichen Monologs. Wortgewaltig, klar in der Aussprache, ohne Tonverstärkung und präzise im Tempo, zeigt er Kohlhaas Verwandlung vom Menschen zum Mörder.
Dentler beweist ungewollt immer wieder, dass Theater mit Anspruch und Publikumsnähe sich wahrlich nicht ausschließen, sondern gar bedingen. Man sieht ihn vor der Vorstellung gerne mal in der Kantine sitzen, bereits im Bühnenoutfit.
Er steht diesmal auf Anfangsposition und geht in sich, als Damen in der ersten Reihe sich nicht einigen können, wie man denn am besten sitzt. So weist er ihnen schlicht zu, sich doch, wenn schon, zusammenzusetzen. Die Damen nehmen es belustigt an und folgen dem Rat von der Bühne. Neben der Gewalt des Wortes, der Gewalt der Taten, ist auch die Bild- und Tonumsetzung ergreifend und doch nicht gewollt avantgardistisch.
Zuerst nur auf einer kargen Bühne mit Scheinwerfern im Rücken, mit Nieselregen von oben niedertröpfelnd monologisierend, wird der Knacks in Kohlhaas´ von Ungerechtigkeit drangsaliertem Leben durch das Übergießen mit Blut symbolisiert, der Eintritt der Taten mit Lichtblitzen. Extremem Licht.
Das Stück läuft seit 2015 und damit fünf Jahre weniger als sein Soloprogramm Werthers Leiden, in dem er mehr improvisieren kann und es dann auch wirklich kann. Ganz lässt es sich Dentler aber auch in diesem weniger zur Interaktion neigenden Text nicht nehmen, die Zuschauer mit einzubeziehen.
Er reicht seine blutverschmierte Hand gen Publikum der ersten Reihe. Keine Reaktion, er schwenkt sie weiter, eine Frau greift fest zu. Er aber auch. Und zieht sie auf die Bühne und offeriert befehlend und gleichzeitig charmant: Nehmen Sie Platz! – ebenso eine zweite Dame, um dann zu gellen: Sonst noch wer? Beide Damen bleiben längere Zeit auf den Brettern die die Welt bedeuten und erleben eine Perspektive, die es wahrlich nicht zu kaufen gibt. Inklusive Kunstblut.

Dennoch er auf die Ein-Personen-Stück abonniert zu sein scheint, verliert er nicht die Lust. Kürzlich gab er den 100. Werther. Alleine. Ich musste dabei kurz an Joachim Meyerhoff denken, der anrührend und entnervt von seinen Erlebnissen als junger Werther-Darsteller in seinem Buch Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke erzählt. Von Technikern, die ihren Einsatz für den Schuss- und damit Schlusston verpassen und es keiner im meist von Schülern besetzten Publikum merkt. Im hiesigen Publikum wissen aber sowohl das Technikteam als auch der Solodarsteller um ihre Einsätze.
Neben der optischen Inszenierung, Dentlers dramaturgischer Hingabe, sorgt der Stoff auch für Gespräche danach. So raunen sich Studenten mit Nickelbrille zu, dass sie das mit dem Luther nun nicht präsent hatten, ergo, sogar noch was gelernt fürs Studententicket.

Es herrscht Glück und ein befriedigtes Gefühl durch alle Reihen, einem Geheimtipp gefolgt zu sein, dessen Besuch sich lohnt. Als ich vor die Kammerspiele trete ist es frühlingshaft, ein Taxifahrer mit Baskenmütze fährt vor. Kultur und Stil überall. Herrlich.

Isaak Dentler im Schauspiel Frankfurt in: KOHLHAAS

PS: Auch das Frankfurter Schauspiel bietet Dentler und seine Stücke für Schulen an; wir hoffen, mit etwas mehr Glück bei den Publika.