Rezension: bleiben

Sie kennen das. Sicher. Sicher auch. Ich habe mir angewöhnt, einfach von vornherein klarzustellen, nichts zu verstehen. Das macht es einfach leichter für beide Seiten. Man muss weniger erklären, und das Verständnis ist dem Gegenüber oft anzusehen. Wer soll sich das auch ohne genaue Kenntnis der Personen merken? Die Zusammenhänge ergeben sich wie so oft aus dem lebenden Kontext und nicht aus einer faden Aufreihung von Tatsachen. Die Tante dritten Grades des Schwagers einer Neffin—oh Himmel, stöhne ich insgeheim. Ich kann und will es mir nicht merken, nicht auf Dauer; und lasse es mir daher erklären. Jedes Mal wieder. Das macht es nicht interessanter, doch gibt es einen kurzen Durchblick in das zwischenmenschliche, familiäre Geflecht von Geburten und Verschwägerungen.
Romane die aufgrund komplexer Familien- und Freundschaftskonstruktionen erbaut werden, sind daher für mich ab initio schon schwierig bis unlesbar, weil ich quasi immer wieder nachlesen muss, wer mit wem. Fragen Sie sich, wie ich die Buddenbrooks in der Schule überstand…Antwort: gar nicht. Grässliches Nachdenken ruinierten die Nobelpreis geschwängerte Textzeilenluft. Für mich.
Allerdings soll es Ausnahmen geben. Und diese hängen mit der Vierten Wand zusammen. Vierte Wand? Hä? Jedes Zimmer hat immer vier Wände, kontern Sie? Ja, Recht haben Sie. Dennoch soll es uns hier um die Erzählperspektive gehen. Judith W. Taschler durchsticht diese vierte Wand, indem sie den Leser als imaginären fünften Protagonisten ohne eingreifende Handlung (oder ich habe es nicht begriffen, s.o.) einbindet, der wenig weiß, wenig mitbekommen hat die letzten zwanzig Jahre. Zu dieser Zeit lernten sich Felix, Juliane, Paul und Max im Nachtzug nach Rom kennen. Und treffen eben diese zwanzig Jahre später über die klischeehaften, aber dennoch immer wieder im realen Leben wahrzunehmenden Zufälle. Die Autorin wechselt dabei kapitel- und zeitpunktweise die Sicht des den Leser ansprechenden Protagonisten und zwirbelt so ihre Storylines durch den Roman. Dieser stellt den ungetrübten Blick auf Zeitsprungthematiken: Wir waren jung, was ist aus geworden? Was hat uns wohin getrieben? Wie zerbrechen Beziehungen oder sind in den Alltag wie Blei gegossen? Wie prägt die Vergangenheit die Gegenwart der Menschen, was lässt sie verzweifeln?

Anfang zwanzig gibt man sich so gescheit, und im Grunde ist man nur ein selbstgefälliges Würstchen. Ich fiel ordentlich auf die Schnauze.

Die Autorin hat hier ein Roman vorgelegt, der durch seine Erzählart eine Ausnahme bildet, mit Anspruch zu lesen ist und dennoch einen klassischen Entwicklungsroman darstellt.

Judith W. Taschler bleiben erschienen bei Droemer Knaur

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Cover: Droemer Knaur