Rezension: Ein Winter auf Mallorca

Dieses Buch erregt mich, schon bevor ich es las. Ich zuckte im Hugendubel zusammen und schoss in Richtung des Buchregals. Da soll einer sagen, Buchhandlungen hätten keinen Zweck mehr. Vielleicht sollte man Eintritt nehmen, denn kaufen tue ich dort nicht, denn das Personal ist wechselhaft launisch und vor allem sind die Schlangen lang, die Luft nicht nur der Laune wegen dick. Anyway, das Buch verzaubert mich. Katharina Netolitzky hat ganze Arbeit geleistet. Ja, noch mehr: Sie hat ein Kunstwerk in Buchcoverform erschaffen. Nein, ich rede nicht von der französischen Autorin George Sand, sondern von der Umschlaggestalterin Netolitzky aus Augsburg. Sie hat wirklich die Gischt, den Strand, die Zitrusfrüchte und die Finca in Buchform erschaffen. Dieses Buch wärmt meine Seele, lässt meine Erinnerungen aufsteigen und schafft es, meine Reiselust anzukitzeln. Bitte bedenken Sie: Ich habe das Buch noch nicht angefasst.

Mallorca, 1988. Es ist die Zeit der großen Umläufe nach Mallorca, Reisen auf die Balearen und die Kanaren sind noch bedingter Luxus und nicht das Taxi in die Stillosigkeit. Wenige Jahre zuvor flogen sogar noch B747 auf diese Urlaubsinseln. Heute finanziell undenkbar, die Zeit der kleinen, aber vielen Umläufe ist im vollen Gange, Ende nicht in Sicht.  Man kleidete sich schick und zollte der Möglichkeit, solche weiten Ziele zu erreichen noch eine gewisse Art von Respekt. Im selben Jahr betrat ich das erste Mal die Insel. Mit drei Jahren und Foto auf der Flugzeugtreppe der LTU-Maschine. Die Insel ist also meiner Ur-DNA von Urlaub und ich habe sie nie als das wahrgenommen, als das sie so verrufen ist: Suff, Party, Lärm, Stillosigkeit. Der Ballermann ist längst Geschichte und die Menschen sind auch in ihrer Urlaubsplanung ganz Hipster. Nein, Mallorca, also bitte! Korsika, Kanaren oder Nordafrika müssen es schon sein, aber Mallorca? Tz! Ich muss wohl nicht sagen, dass die Deppen in diesem Falle wirklich die anderen sind. Zum einen sind Reiseziele wohl so subjektiv wie Brillengestelle und die meisten Menschen kennen Mallorca nicht. Die schönen Ecken, die ruhigen Gegenden, aber auch die perfekte Infrastruktur. Nein, ich mag mein Mallorca und fahre immer wieder gerne hin. Denn es ist wie an jedem Urlaubsort: Hässlich ist es irgendwo immer, wahrscheinlich sogar die Bedingung, dass es schöne Ecken gibt, denn diese brauchen ja eine Referenz.

1:20 braucht man im Schnitt Stunden bis man seinen Fuß auf den heißen Boden des Flughafenvorfelds setzt. Oder knapp 27 Stunden mit Zug und Fähre ab Frankfurt. Mein nächstes erklärtes Ziel, denn seelenfreundliches Reisen ist aus der Mode gekommen, die Menschen rasen von A nach B, sich selbst nicht gewiss, wo sie denn gerade sind, und eigentlich ist es ihnen auch irgendwie dann doch gleich. Erholung wird befohlen! Zur Sekunde sitze ich im Zug nach Wien. Sieben Stunden dauert diese Fahrt, aber dann bin ich auch vollkommen in Wien angekommen. Ich kann das Ankommen würdigen. Das ist vielen abhanden gekommen, jahrelang konnte ich beruflich völlig „zer-reiste“ Menschen sehen, die völlig ausgezergelt am Frankfurter Flughafen rumhingen. Transit nennt man diese Form des nicht vollständigen Ankommens und des abwartenden Abreisens. Isoliert hinter Glas. Gar nicht richtig da. Und auch mental schon wieder weg.

George Sand, französische Schriftstellerin (1804-1876) hatte noch nicht die Wahl der Rückbesinnung und hätte sich vielleicht einen Flug dann doch gewünscht, denn Klimatisierung oder gar Flugzeug waren noch in weiter entwicklerischer Entfernung. In finaler Entwicklung ist jedoch das Buch auch in seinem Innenleben. Neben seinem wunderschönen Cover (hätte ich gerne als Plakat!), ist auch der Einband in Zitronen mustern gehalten und das Papier schön dünn, fast flatternd und hat einen cremigen Charme von Cappuccino. Aufgelockert sind die Reisebeschreibungen mit zeitgenössischen Stichen bzw. Zeichnungen, die immer auch ein wenig durchschimmern lassen , wie Mallorca wohl so wahr, als es noch völlig unerschlossen war und die Bauern eine ertragreiche Landwirtschaft betrieben, aber sich eben nicht hetzen ließen, welches Autorin Sand leicht konsterniert feststellt.

Dieses wunderbar produzierte Buch wird als Neuübersetzung gepriesen und man muss sagen: Zu recht. Früher war ich da ein stumpfer Zeitgenosse, die Nennung von Übersetzern war mir völlig fern in der Notwendigkeit. Dr. Hermann Lindner hat am Ende des Buches Gelegenheit, seine Arbeit zu erklären und schon mit einem zentralen Beispiel zu Anbeginn des Buches überzeugt er in seiner recherchierenden Hingabe und Relevanz. So wird im Original von englischen Reisenden gesprochen, die in der alten Ausgabe fix als „Touristen“ übersetzt wurden. Doch, es gab damals keine klassischen Touristen, sondern wenn überhaupt: Bildungsreisende. Dies legt der Übersetzer mit Sekundärliteratur dar und überzeugt den geneigten Leser vollends, eine sinnvolle und zeitadaptierte Übersetzung erleben zu können.

Alles in allem ein ehrvolles, erhabenes Buch und eine Reisebeschreibung, die die Annehmlichkeiten und Sicherheiten heutigen Reisens anerkennen lässt und doch auch in der staubigen, abenteuergleichen Reisevergangenheit George Sands mit ihrem Reisepartner Chopin (pssst, ja der!) schwelgen lässt.

Ein Winter auf Mallorca, neu erschienen und übersetzt bei dtv

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Dieses Buch erregt mich. Abgang Bühne links, Richtung Check-In nach Palma.