Rezension: Herbstblond Thomas Gottschalk

Thomas Gottschalk ist jedem der vor 1990 geboren ist eine fest Institution der sich ins Jenseits verabschiedeten Samstagabendunterhaltung. Mit 100.000 DM Gage damals der Top Entertainer in linearer Nachfolge von Hans-Joachim Kulenkampff oder Rudi Carrell. Ijoma Mangold sprach in der Zeit mal von „unseren Sofa-Helden“. Die Zeit ist rum. Das musste auch das ZDF erkennen, Rundfunkrat hin oder her, Regierungsbeteiligung hin oder her. Die Zeit der terminierten, linearen Unterhaltung „für die ganze Familie“ ist dahin. Weder gibt es noch die „ganze Familie“ noch lebt das Wohnzimmer vom Takt der Fernsehzeitung. Und so endete mit dem Unglück von Samuel Koch auch die Ära von Wetten dass mit einer sehr traurigen Begebenheit. Über die Zwnagsbeatmung von Markus Lanz schweigen wir besser. Thomas Gottschalk versuchte sich 1993 auch im Late Night auf RTL, Jahre später mit Vorabendtalk in der ARD, doch funktionieren tat er bei seiner Zeit im Bayerischen Rundfunk (zusammen mit Günter Jauch) und als Moderator von Wetten dass. Bei beiden Jobs war er zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wenn er lebendig von Früher erzählt, wird es einem warm ums Herz, wie viel Spannung und Ungehorsam im Radio mal möglich waren, wie viel Pathos im Fernsehen ohne Youtube funktionierte. So weiß ich selber noch, wie ich am Fernseher klebte, als Michael Jackson 1995 den Earth Song live performte. Wie lange das her ist, merke ich erst, wenn ich realisiere, dass einer meiner Mitarbeiter Jahrgang 1996 ist. Und bald seinen Bachelor in der Tasche hat…

Gottschalk legt mit Herbstblond seine Biografie vor und  gelobt, keinen Ghostwriter in Anspruch genommen zu haben. Mit Sicherheit hatte er aber ein gutes Lektorat, denn sein Erstling liest sich flüssig, passend, und bei aller Korrektheit blitzt in den Zeilen der Gottschalk auf, den wir alle kennen. Jovial, oberflächlich, aber dennoch zugewandt und nicht egomanisch egozentriert. Er mag Menschen, auch wenn er einstweilen nicht genau hinhörte, Fakten vergass und quasi allen am Knie rumfummelte. Mit Herbstblond kann man diese ungewollte Reise ins Medienbusiness nachlesen.

Gewidmet ist das Buch seinem Förderer und Beschützer Udo Reiter, der 2014 starb. Er durfte, so gab er im Bayern 1-Interview mal an, dessen Parkplatz im BR nutzen, denn Reiter hatte seinen eigenen Fahrer und benötigte den Stellplatz nicht.

Thomas Gottschalk: Herbstblond erschienen bei Heyne (Random House)

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.