Rezension: Richtig leben

Nein, dieses Buch machte mir keinen Spaß. Die Taschenbuchausgabe ist billig produziert – klar, dass Buch hält die Seiten zusammen, aber Papier und Umschlag, bei dem man immer denkt, er sei dreckig, überzeugen nicht. Wie Verlegerpapst Steidl aus Göttingen schon 2010 sagte: Sowas muss nicht mehr auf Papier gedruckt sein. Aber auch der Inhalt geht mir nach wenigen Seiten auf den Nerv. Jürgen Domian führt anhand seiner über 20.000 geführten Gespräche auf 1live und im TV im WDR durch seine Gedanken und Meinung zu verschiedenen Themen seiner Anrufer. Doch schon beim ersten Beispiel nervt mich sowohl sein Text als auch die in fett gehaltene „Gegenstimme“ seiner selbst. Eine Frau meldet sich mit 48 Jahren aus einem Hospiz und berichtet, sie habe immer nur gearbeitet, nie an andere gedacht, ihre Mutter sei allein gestorben als sie auf Geschäftstermin war und nun sei sie unheilbar krank und habe das Gefühl, immer nur an sich gedacht zu haben. Domian sieht das auch so, aber es gibt natürlich keinen finalen Schlagabtausch, sondern tröstende Wort. Dennoch führt er nun im Buch aus, diese Frau sei egoistisch gewesen. Das ist natürlich völlig eindimensional und auf einer so schmalen Grundlage des Wissens um die Umstände gesprochen und daher riskant! Das ist eine Meinungshaltung vom Stammtisch, derer Beurteilung Domain selber nicht standhalten würde. Ist ein Mensch, der nur arbeitet und nie etwas für sein ureigenes Leben (Selbstverwirklichung, Partner, etc.) nichts tut, sondern nur den monetären Aspekt und seine Leistung im Fokus hat, egoistisch? Ich sage: nein. Ganz im Gegenteil, es ist absolute Fremdbestimmtheit, es müsste viel genauer analysiert werden, wie es zu dieser Lebenshaltung kam – oft ist es Erziehung, Erfahrung von Ohnmacht; sprich: multifaktorielle Ursachen der Entstehung. Das lässt sich in keinem Telefongespräch so kurz eruieren, daher ist es wichtig, dann nicht in einem Text die Moralkeule rauszuholen. Die Frau war allem Anschein nach eben nicht egoistisch, zumindest nicht im gesunden Sinne zu sich selbst. Und diese „Mutter-starb-alleine“-Causa: Da schreit die Menge natürlich: Wie kann man nur! Wie unmenschlich! Auch dieses eher die Ansicht der ganz einfältigen Zeitgenossen. Es ist doch überhaupt nicht analysierbar und daher nicht klar zu urteilen, wie das Verhältnis von Mutter-Tochter wirklich war. Vielleicht sorgte die Beziehung dafür, dass die Tochter sich in die Arbeit flüchtete, um ihre Gefühle zu unterdrücken und sich nicht der Beziehungsaufarbeitung stellen zu müssen? Eine ebenso berechtigte These wie die von Domian, doch etwas differenzierter. Bei Eltern oder Verwandten neigen Menschen dazu, bei irgendeiner Abweichung des geeichten Sippenverhaltens, die Abweichler in lynchandrohende Sippenhaft nehmen zu wollen. „Ohne deine Eltern wär der Mensch nicht da“, ist da gerne eine Aussage in Diskussionen. Doch das ist doch Unfug. Denn nach dem „da sein“ kommt die Erziehung auf Grundlage der Beziehung. Wenn diese auf einer malignen Art läuft, ist es durchaus vorstellbar, dass Menschen nicht gefühlig nach Hause pilgern, um sich um die Eltern zu kümmern.

Sie sehen, liebe Leser, alles nicht so einfach. Ich kann zu diesem Buch nicht raten. Ich verzichte daher auch auf Abbildungen.

Jürgen Domian: Richtig leben ist bei Pinguin/ Random House erschienen