Rezension: Der Geruch des Paradieses

Elif Shafak sagte mir nichts, bis sie mir vom Hugendubel-Bestsellertisch auf den Fuß fiel. Der Verlag war so lieb mir eine Satzfahne als Rezensionsexemplar zur Verfügung zu stellen. Doch dann stellte sich raus: digital ist nicht immer einfacher, das PDF sprang nach dem Schließen immer wieder zum Anfang. Also ließ ich meine Assistentin alles ausdrucken, doch auch das war unpraktisch, hätte gebunden werden müssen, aber auch das besser in mehreren Teilen, da das Buch mehr als fünfhundert Seiten zählt. Sinnvolle Seiten. Also ruhte der Druck über die Jahre auf meinem Leseschreibtisch, nur manchmal den Ort wechselnd zwischen Schreibtisch im Büro und Zuhause. Nun endlich bin ich dazugekommen, die Loseblattsammlung zu lesen. Angestoßen als ich im FREITAG einen Gastbeitrag der Autorin las, auf den ich später noch eingehe. Das war dann das Zeichen, dem Buch endlich Aufmerkkeit zu schenken, die es verdient, obwohl es bereits Spiegel-Bestseller ist.

Ähnlich ergeht es gerade der Türkei: sie fällt sich auf die eigenen Füße. Eine Autorin, die in Romangestalt und seit dreizehn Jahre in englischer Sprache die Missstände zwischen Buchdeckel presst, ist gut beraten, mehr in London als in Istanbul zu weilen. Nicht zu seit des Putschversuchs ist es kritisch in der Türkei geworden. Freie Presse, freie Meinungsäußerung ist gefährlich; die Haftzellen gierig. Shafak stellt als Protoganistin die 35jährige Peri auf und lässt mittels Eltern, Alltagserlebnissen und späteren WG-Mitbewohnerinnen die gesellschaftlichen Zustände an ihr geschehen. Dabei muss man strikt beachten, dass die Figur nicht das alter ego der Autorin ist, aber vielleicht ihre geheime Alptraumfantasie ihres eigenen möglichen Werdegangs. Mit Mitte dreißig am Anfang des weiblichen optischen Verfalls stehend, in einer von Religion aufgeladenen und dennoch gleichzeitiger durch Testorsteron aufgeheizten Welt agierend, mit drei heranwachsenden Kindern in einem Leben, dessen Selbstbestimmung fragwürdig ist.

Wie ein geschickter Schneider hatte die Zeit die beiden Stoffe, die Peris Leben umhüllten, scheinbar nahtlos zusammengenäht: das, was die anderen von ihr dachten, und das, was sie von sich hielt.

Shafak schafft einen Roman der sowohl die individuelle Selbstbestimmung als auch die Entwicklung der eigenen Heimat kritisch betrachtet und aus verschiedenen Blickwinkel der Figuren darstellt. Mit allem Für und Wider. Für einen Leser nicht immer nachvollziehbar, doch Antworten sollen sich die Leser aus einem Text selber bilden, wie die Autorin einmal verlautbarte.

In einem Artikel in der Wochenzeitung Der Freitag zeichnet sie als Gastautorin einen sehr dunklen Blick auf die aktuelle Lage in der Türkei. Das befände sich am Scheideweg. Oder habe ihn vielleicht schon passiert. TV-Kommentatoren riefen auf, dass Alkohol getrunken  oder gefeiert werde. Anschläge an solchen Orten werden als legitim gehuldigt. Man merkt der Autorin auch hier ihre beobachtende Sprachlosigkeit an. Was ist nur los, welcher Rückschritttakt der Intoleranz hat sich in die Menge gebahnt, welche Unaufgeklärtheit verbreitet sich mit Selbstverständlichkeit. Die Menschen scheinen aufgrund der Überforderung des Begreifens von den komplexen Vorgängen auf der Welt (und der Verfügbarkeit des Konsums dieser Informationen) in ihre geistigen und verhaltenstechnischen Dogmen-Inseln zurückzuziehen und aus Angst dem Hass, der Gewalttätigkeit zuzustimmen, um bloß dem komplexen Fortschritt zu entsagen. Alles, bloß nicht weiter so schwierig!, scheint der stumme Ausruf zu sein. „Dämonisiert wie nie“, urteilt Shafak und in der Bevölkerung frage man sich nur noch: „Wann werde ich zur Zahl?“. Als Zahl einer Summe von Anschlagsopfern.

Die Frage ist nur, wer mehr leidet: Die Opfer oder die latenten Opfer.

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses ist erschienen bei Kein & Aber, Schweiz

Ich danke dem Verlag für das >kreative< Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.