Rezension: Flugschreiber – Frank-Walter Steinmeier

Frank-Walter wollte raus. Raus aus Brakelsiek. Der nordrhein-westfälischen Einöde, in der es laut Steinmeier ein wenig eng sei und die Arbeit knapp. Er käme immer wieder gerne wieder dorthin, und wollte, sicherlich, weg, wie seine Schwägerin 2009 in der Reportage über ihn, Steinmeier, konstatierte. Der ruhige, besonnene Mann, den sie graue Eminenz nennen, mit dem schlohweißen Haar und der den aktuellen modischen Gepflogenheiten folgenden Brille. Jener der nie ein Mandat inne hatte, nie um eine Position kämpfen musste. „Der Frank“, wie sie ihn im Heimatdorf rufen, hat eine wahrhafte Wendung in seinem Berufs- und Privatleben hingelegt. Aus ferner Provinz nun in zweiter Amtszeit auf den Bühnen der politischen Welt und mit freistehendem Haus in Zehlendorf. Als Bundesminister des Auswärtigen. Mit ruhiger Hand und kontinuierlichem Erfolg. So könnte man schon ein wenig traurig sein, dass genau dieser Mensch nun die Rolle ins Inland wechselt, und aller Voraussicht nach Bundespräsident wird.

Steinmeier legt kurz vor Ende seiner Amtszeit eine Art Tagebuch vor. Zusammen mit dem Autor Nicol Ljubic schafft er ein spannendes Werk auf 238 Seiten. Ich bin ehrlich überrascht. Ich erlebe die meisten Politikerbücher als gähnend langweilig und die dort propagierten Schlüsse doch oft zu weit in den prophezeienden Wind geschossen. Quasi: Was interessiert mich der Papiermüll von gestern. Doch mitnichten! Steinmeier schreibt endlich mal einen spannenden Bericht, versehen mit vielen farbigen Bildern, einer quirligen, animierenden Ich-Form und immer wieder auflockernden „Gossip-Fakten“.
So berichtet er neben den Geschehnisberichten aus seiner Tätigkeit, dass er wider Erwarten immer beim Aufwachen wisse, wo er gerade sei (was z.B. Josef Ackermann in einer Reportage dahingehend beantwortete, dass er nicht immer den Lichtschalter finde…), oder dass man in manchen Ländern die örtlichen Gepflogenheiten bereits im Straßenverkehr erführe. Doch was leicht abwertend kommen kann, tänzelt bei Steinmeier in seiner auch im realen Leben respektvollen Art daher. Er macht seine Sache mit Herz, er ist gerne Außenminister, er mag Menschen an einen Tisch holen, die sonst an diesen nie kämen.
Sicher werden einige Kritiker sagen, es sei nicht sachlich genug, zu belletristisch anmutend. Doch genau das hat mich überzeugt, dieses Buch überhaupt zu besprechen. Parteien würden nur noch von den 57-75jährigen am Leben gehalten werden, las ich vor einiger Zeit. Und genau mit diesen Werkzeugen dürfen wir eben nicht mehr auf Darstellung gehen. Es geht um mehr Menschlichkeit, um die breiter werdende junge Masse an Menschen für Politik zu begeistern; das geht eben nicht mit Büchern aus Bleiwüsten. Die ZEIT wäre nämlich so fast auch untergegangen.

Außenpolitik lässt sich nicht von der Sofaecke aus machen.

…auch so ein typischer Steinmeier-Satz. Auf den Punkt, nicht zu förmlich und doch mit einer jovial-versöhnlichen Nuance, die die Partner schmunzeln lässt. Ein wenig erinnert es an seinen Lehrmeister Schröder, für den er der „Mach-mal-Frank“ war, wie seine ehemalige WG-Mitbewohnerin Brigitte Zypris 2009 zu Protokoll gab.

Wenn ich Glück habe, ist am zweiten Tag auch ein wenig Programm eingeplant, um Land und Leute jenseits der Konferenzräume kennenzulernen.

Sehr schön in der Ausstattung des Buches ist es, dass es anscheinend inzwischen einfacher ist, vierfarbige Bilder auf demselben Papier wie den Text zu drucken – bei erstaunlicher Qualität. Es lockert analog des Schreibstils den Inhalt auf, lässt Vorstellungen möglich werden.

Wer sich Außenpolitik lebendig und ohne „Politik-Muff“ und „Politik-Sprech“ nähern möchte, dem sei „Flugschreiber“ empfohlen. Denn wenn Steinmeier eines authentisch lebt, dann seine Hingabe zu den Menschen. Und aus was besteht Politik denn sonst?

Flugschreiber – Notizen aus der Außenpolitik in Krisenzeiten ist erschienen bei Propyläen, einem Imprint der Ullstein Buchverlage, Berlin.

Nota Bene: Die Erlöse des Verkaufs gehen an die „Aktion Deutschland hilft“ zur Unterstützung syrischer Flüchtlinge in Libanon und Jordanien.


Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.
Möglicher Interessenkonflikt: Der Autor ist aktives SPD-Mitglied.